25.10.2008 · Joseph Calleja, Startenor aus Malta, gastiert an der Oper Frankfurt in Donizettis „Lucia di Lammermoor“. Dem Klischee, Sänger seines Stimmfachs seien dumm, entspricht Calleja ganz und gar nicht.
Von Guido HolzeDem Klischee, Sänger seines Stimmfachs seien dumm, entspricht Joseph Calleja ganz und gar nicht. Freundlich in der Art und gewandt im Umgang, spricht der großgewachsene, kräftige Tenor aus Malta inspiriert über Gaetano Donizettis Oper „Lucia di Lammermoor“, die in der Inszenierung von Matthew Jocelyn morgen um 18 Uhr in der Oper Frankfurt Premiere hat.
Mit erst 30 Jahren ist Calleja schon seit einigen Jahren ein Weltstar, dessen Terminkalender in dieser Saison Auftritte in Tokio, London, San Francisco, New York, Wien und vielen anderen Städten verzeichnet. Frankfurt fühlt er sich jedoch besonders verbunden, in alter Treue zu Intendant Bernd Loebe, der ihn 1996 als künstlerischer Direktor an der Brüsseler Oper entdeckte. Nach einem Vorsingen bekam der damals erst 18 Jahre alte Sänger eine Chance und durfte in mehreren Vorstellungen auftreten. In Frankfurt war Calleja nach dem Start seiner internationalen Karriere immer wieder zu Gast, wiederholt zusammen mit seiner Ehefrau, der Sopranistin Tatiana Lisnic. Puccinis Rodolfo und Mimì haben sie gesungen und einen gemeinsamen Liederabend gegeben. Nun werden sie als Edgardo und Lucia in Donizettis „Dramma tragico“ nach Walter Scotts Roman „The Bride of Lammermoor“ eine tödlich endende Bühnenbeziehung eingehen.
„Inszenierung modern, aber im Herzen traditionell“
Ist es schwierig, mit der eigenen Frau zusammenzuarbeiten? „Nein, schwieriger ist es zu Hause“, sagt Calleja scherzhaft. Tatsächlich sei es einfacher, zusammen wirkliche Gefühle zu vermitteln. Er könne mit seiner Frau weiter gehen als mit einer ihm unbekannten Partnerin, etwa bei den Berührungen. Gerade bei einer Regie, wie sie Jocelyn nun vorgelegt habe, sei das von Vorteil. Die Inszenierung sei „modern, aber im Herzen traditionell, nicht abstrakt oder unverstehbar, sondern realistisch“. Bei Jocelyn stünden „wirkliche Leute auf der Bühne“, sagt Calleja, der schon an anderen Produktionen der „Lucia“ mitgewirkt hat.
Die Frankfurter Inszenierung halte sich eng an das Stück und seine Vorlage. Wichtig sei der Hintergrund der rivalisierenden schottischen Clans, das „Business“ der Männer um Lucia, die sich zerrissen fühlt zwischen der Treue zu ihrem Bruder Enrico, der sie zur Heirat zwingt, und der Liebe zu Edgardo, dem Erzfeind ihres Bruders. Dass sie nach der von Enrico arrangierten Hochzeit ihren Ehemann Arturo umbringt, sei durchaus plausibel. Jocelyn motiviere das in seiner Interpretation zusätzlich: Lucias Zwangsehe dient ihrer Vergewaltigung.
Mutter aus Sizilien, Vater aus Spanien
Mit ihren leidenschaftlichen Arien biete die Musik besten Belcanto, sagt Calleja. Für die Rolle des Edgardo, „eine der schwierigsten lyrischen Partien überhaupt“, brauche man im Grunde drei Stimmen: neben Belcanto-Technik die Beweglichkeit und den weicheren Ton eines Spinto-Tenors, darüber hinaus aber auch einen vollen Klang. Calleja, bekannt für die Strahlkraft und Biegsamkeit seiner Stimme, wird hier viele künstlerische Facetten zeigen können, zumal ein Schwerpunkt seiner Arbeit auf dem italienischen Repertoire liegt.
Die enge Verbindung seiner Heimat Malta mit der italienischen Oper, die sich unter anderem im 300 Jahre alten Teatru Manoel in La Valletta zeigt, kommt ihm dabei sicher zugute. Die große Mehrheit der Bevölkerung des kleinen Insellands, für das Calleja inzwischen eine Art Kulturbotschafter geworden ist, habe italienische, die nächstgrößere Gruppe spanische Wurzeln. Er selbst sei insofern eine typische Mischung: mit sizilianischer Mutter und, wie sein Name verrät, spanischstämmigem Vater.