12.07.2010 · Das Bergen ungeahnter Schätze: Zehn Absolventen der Städelschule stellen unter dem Titel „Ozean“ in der ehemaligen Frankfurter Diamantenbörse aus.
Von Christoph Schütte„Das geht gar nicht.“ Nicht nur Peyman Rahimi war einigermaßen fassungslos angesichts der Räumlichkeiten – ihrer Winkel, Säulen und Rigipsdecken, ihrer Graffiti und Klebemarkierungen auf dem Parkett. Alles war bis in den letzten Winkel beseelt von jenem Charme, der sich hier und da, allen Moden zum Trotz, bis heute staunenswert erhalten hat. Noch bei der Eröffnung der Ausstellung „Ozean“ in der einstigen Frankfurter Diamantenbörse an der Stephanstraße war nicht zu übersehen: Rahimi hat zweifellos recht.
Doch was die zehn Absolventen der Frankfurter Städelschule aus der Einladung von Johan Bettum und der Architekturklasse gemacht haben, lässt die deprimierenden räumlichen Vorgaben zwar nicht vergessen, aber doch weit in den Hintergrund treten. Während die Architekturklasse ihre Semesterarbeiten im Erdgeschoss des Gebäudes vorstellt, haben die bildenden Künstler den ihnen zur Verfügung stehenden Raum beinahe wie zu Studienzeiten gemeinsam hergerichtet und sich angeeignet. Nun bespielen sie ihn mit vorwiegend aktuellen Arbeiten.
Eine spröde, aber keineswegs fade Essenz
Dabei verbinden die meisten der in Frankfurt gut bekannten Positionen von Martin Neumaier über Hans Petri bis Silke Wagner, Stefan Wieland oder Holger Wüst auf den ersten Blick kaum mehr als die Zugehörigkeit zur selben Generation und die gemeinsam verbrachten Jahre an der Frankfurter Akademie. Und im Fall von Stephen Suckale und Nina Tobien, den mit Abstand jüngsten unter den vertretenen Künstlern, nicht einmal das.
Doch die Arbeiten Rahimis harmonieren mit der schlicht formidablen Soundarbeit Bernhard Schreiners, die nichts als die auf Vinyl gepressten Kratzer einer raren Einspielung von Eric Saties „Musique d’ameublement“ vorstellt. Tobien bringt ihr „Jahr mit dreizehn Monden“ künstlerisch in Form, und Silke Wagner kocht ihre kaum sechs Monate zurückliegende Würdigung großer Frauen wie Angela Davis oder Marlene Dietrich bei Wilma Tolksdorf in Berlin mit ein paar handkolorierten Lithographien herunter auf eine vergleichsweise spröde, aber keineswegs fade Essenz. All das ist so beiläufig und zugleich so präzise inszeniert, dass man das Fehlen einer diesen „Ozean“ bändigenden Klammer kaum bemerkt.
Was versprochen wird, lässt sich auch finden
Sebastian Stöhrer hat im weiten Meer der Halle ein unbekanntes Eiland mit seinen absonderlichen skulpturalen Bewohnern besiedelt, während Hans Petri mit seinen Fotografien von Fotografien von Fotografien seit jeher ohnehin in einem eigenen Universum lebt. Und mit Martin Neumaier und Stefan Wieland sind es schließlich zwei vornehmlich für ihre Malerei bekannte Künstler, die demonstrieren, was man auch unter Bedingungen machen kann, die so schwierig sind wie in der Diamantenbörse. Zugleich setzen sie ganz eigene, womöglich auch manche Kenner ihres Werks verblüffende Akzente. Zwar mag man wissen, dass Wieland für den Hausgebrauch und gleichsam nebenbei seit Jahren kunterbunte Lampen baut. Bekannt mag auch sein, dass Neumaiers Werk neben Bildern und Collagen schon immer Skulpturen umfasst hat. Doch Wieland konfrontiert seine Abstraktionen nun erstmals auf einer Ebene mit seinen unübersehbar auf die Malerei zurückverweisenden Leuchtkörpern und lässt sie einander im Kunstkontext begegnen. Und Neumaier hängt seine in schwarze oder rote Farbe getauchten Globus-Skulpturen nun samt Sockel an die Decke und stellt neben der Welt auch die Kunst und ihre Inszenierung buchstäblich auf den Kopf. Da kann beider Auftritt je nach Perspektive frech, experimentierfreudig oder auch gewagt erscheinen.
Und doch geht er im einen wie im anderen Falle ganz selbstverständlich auf. Insofern mag sich am Ende dann auch noch der Ausstellungstitel „Ozean“ erschließen. Denn was die Ausstellung insgeheim verspricht – fremde Welten, Wind und Abenteuer, Tücken, Untiefen und Salz auf den Lippen – all das lässt sich keineswegs nur in diesen beiden, sondern bei genauerer Betrachtung in durchweg allen Positionen finden. Und macht den nicht geringen Reiz dieser aus dem lokalen Kontext und langjähriger Freundschaft entwickelten Schau aus. Vor allem aber und immer wieder geht es im trotz allem überschaubaren Frankfurter Kunstmeer um eins: das Bergen ungeahnter Schätze.