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Städelschulabsolventen Voodoo, Wurm und Wiesenstück

02.09.2010 ·  Höchst seltsame Phänomene: Drei Städelschulabsolventen zeigen in den neuen Räumen der Oberfinanzdirektion Frankfurt Skulpturen, Zeichnungen und Installationen.

Von Christoph Schütte
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„Baron Samstag“ hat gut lachen. Schließlich schlägt der Totengott des Voodoo bekanntermaßen schon mal gerne über die Stränge und wird zur Beruhigung Tag für Tag verwöhnt mit Zigarren, Rum und Fladenbrot und anderen Opfergaben, damit er keinen Ärger macht. „Gisem“, wer immer das jetzt wieder sei, trägt derweil eine Art blecherne Pinocchio-Maske, während „up“ and „down“ und „strange“ und „top“ und wie die winzig kleinen Quarks halt noch so heißen, mal aus edlem Ebenholz, mal als polierte Taguanüsse mit einem hübschen Fähnchen dran, als Frosch mit pittoreskem Silberkrönchen oder hübsch polierte Austernperle ein wenig überraschend und physikalisch, nun, womöglich doch ein wenig arg gewagt, ästhetisch indes äußerst reizvoll skulpturale Form annehmen.

Sebastian Stöhrer, von dem diese Skulpturen und Kleinplastiken stammen, malt sich halt immer schon gerne das Unvorstellbare aus in seiner Kunst. Ob er mit herkömmlicher Kinderknete surreal anmutende Gemälde in der Fläche modelliert, nach Fotografien Atompilze schnitzt oder eben dem im Allgemeinen eher Unsichtbaren wie den Quarks oder dem Herrn Baron buchstäblich Form gibt: Stets kreisen Stöhrers konzeptuell motivierte Arbeiten um höchst seltsame und in der Kunst ansonsten eher vernachlässigte Phänomene. Das freilich ist auf den ersten Blick auch schon so ziemlich alles, was sie mit den Zeichnungen Zero Reiko Ishiharas sowie der Kunst Andreas Rohrbachs verbindet. Und doch kommen die Arbeiten der drei Städelabsolventen in den neuen Räumlichkeiten der Oberfinanzdirektion Frankfurt (Zum Gottschalkhof 3) überraschend gut miteinander aus.

Die Arbeiten kreisen um die klassischen Fragen

Das ist zum einen der weitgehenden räumlichen Trennung der Positionen geschuldet, zum anderen der je eigenen Souveränität, mit der sie sich in den nicht ganz einfachen Räumlichkeiten behaupten. Das gilt zunächst für die vordergründig an wissenschaftliche, mitunter auch an frühneuzeitliche Illustrationen von Fabelwesen gemahnenden Zeichnungen Ishiharas, die sich für die nach dem Gebäude „Triangel“ überschriebene Ausstellung überdies auch noch ein neues Medium erarbeitet hat. Für „Aquarium“ hat die Meisterschülerin von Ayse Erkmen die ganze Fensterfront über gut und gerne dreißig Meter mit ihren ins Monströse aufgeblasenen Mikroorganismen gestaltet, einem roten Lindwurm gleich, ohne Anfang und Ende und doch seltsam schön und immer wieder anders im wechselnden Tageslicht.

Dagegen zeigt Andreas Rohrbach vornehmlich, was man von diesem Künstler kennt. Ein bezauberndes, aus Marmor gehauenes und grün gefasstes „Wiesenstück“ etwa, wie es der zunächst klassisch als Steinbildhauer ausgebildete Schüler von Ulrich Rückriem und Franz West in Anlehnung an Dürer schon seit Jahren immer wieder schafft, ein paar hübsche Zeichnungen aus diesem Jahr, die wir derweil noch nicht gesehen haben, und einen gewaltigen, aus Dutzenden, wo nicht Hunderten Farbfeldern gestrickten Wandteppich, der einmal mehr von Rohrbachs Auseinandersetzung mit der Malerei kündet einerseits, unübersehbar als Teil des plastischen Werks sich zu erkennen gibt andererseits.

Denn nicht nur, dass Rohrbach in der kalten Jahreszeit die Steine schon mal Steine und das Werkzeug schon mal Werkzeug sein lässt und stattdessen lieber zu Häkel- und Stricknadel, Garn und Wolle greift, um seltsam organisch anmutende, mitunter wie phantastischen und bislang ungesehenen Tiefseewelten entstammende Objekte zu schaffen. Die Kunst des 1965 in Stuttgart geborenen Künstlers kreist hier wie dort stets um die immergleichen, in seiner Disziplin nachgeradezu klassischen Fragen von Leichtigkeit und Schwere, Material, Dichte und Transparenz sowie Raum, Proportion und Volumen. Und ist damit Stöhrers gänzlich anders motivierten „up“ and „down“ und „top“ und „strange“ und nicht zuletzt dem Herrn „Baron Samstag“ bei genauerer Betrachtung ungleich näher, als es auf den ersten Blick erscheint.

Bis 9. Oktober ist die Ausstellung in der Oberfinanzdirektion Frankfurt, Zum Gottschalkhof 3, montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr, freitags von 9 bis 12 Uhr geöffnet.

Quelle: F.A.Z.
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