20.09.2005 · In Bergen-Enkheim ist Katharina Hacker spätestens seit ihrer Antrittsrede als Stadtschreiberin Anfang September zur öffentlichen Person geworden. Ihr Gesicht blickt von den Plakaten, die ihre erste Lesung ankünden.
In Bergen-Enkheim ist Katharina Hacker spätestens seit ihrer Antrittsrede als Stadtschreiberin Anfang September zur öffentlichen Person geworden. Ihr Gesicht blickt von den Plakaten, die ihre erste Lesung ankünden. Von Wildfremden wird sie jetzt angesprochen und gegrüßt. Neulich habe sogar eine Schulklasse vor ihrem Häuschen an der Oberpforte gestanden, berichtet die 38 Jahre alte Schriftstellerin, die sich trotz eingestandener Schüchternheit von solcherart geballten Aufmerksamkeit nicht schrecken lassen möchte. Nicht alle Stadtschreiber kamen ja mit dieser Bürgernähe zurecht: Der scheue Wolfgang Koeppen etwa fühlte sich - zumindest am Anfang - "wie ein Monstrum" beobachtet, was jedoch auch daran liegen mag, daß Koeppen 1974 der erste Stadtschreiber von Bergen-Enkheim war.
Mittlerweile haben sich die Bergen-Enkheimer an ihre Stadtschreiber nicht bloß gewöhnt, sie sind stolz auf sie. Und so werden sie sicherlich an dem Stammtisch teilnehmen, den Katharina Hacker in der Alten Post einrichten möchte, um über Literatur zu reden. Sie werden bestimmt auch die Lesungen besuchen, zu denen Hacker andere Autoren einladen wird. Etwa die Pariser Schriftstellerin Cecile Wajsbrot, die ein "so kluges Buch über Berlin" geschrieben habe, wie Hacker schwärmt. In Berlin lebt sie seit bald zehn Jahren. Und auch ihr Mann ist dort, weshalb Hacker in ihrer Antrittsrede voraussah, daß sie sich am Ende ihrer Amtszeit "zerrissen gefühlt haben werde zwischen Berlin und Bergen."
Für das Amt ist die in Frankfurt geborene Autorin in die Stadt ihrer Kindheit und Jugend zurückgekehrt, die sie für das Studium der Philosophie, Geschichte und Judaistik in Freiburg verließ. Im Sommer 1990 ging sie nach Israel, wo sie - obgleich kurz darauf der Golfkrieg ausbrach - die nächsten sechs Jahre blieb. Das Leben dort schien ihr derart neu und verwunderlich, daß sie viel schrieb, um zu begreifen. In ihren 1997 veröffentlichten Werken "Stadterzählung" und "Tel Aviv" schlägt sich ihr langer Aufenthalt in Israel denn auch nieder.
Ihr erster, 2000 bei Suhrkamp erschiener Roman "Der Bademeister" greift schon auf, um was es Katharina Hacker immer wieder in erster Linie geht: das Erinnern und das Verstehen mit Hilfe der Imagination. Hier ist es ein Bademeister, der die vergangenen 40 Jahre Revue passieren läßt. In ihrem vielbeachteten Roman "Eine Art Liebe" (2003) wiederum schenkt der aus Deutschland geflohene jüdische Anwalt Moshe Fein der deutschen Studentin Sophie in Jerusalem nach und nach seine Geschichte. Nächstes Frühjahr wird Hackers dritter Roman bei Suhrkamp unter dem Titel "Die Habenichtse" erscheinen - ein Buch über die Bewohner einer Straße in London. Darunter sind ein Rechtsanwalt und eine Grafikerin, die zu den typischen Vertretern der in den achtziger Jahren Herangewachsenen zählen. Deren Unvermögen erwachsen zu werden möchte Hacker darstellen und der Frage nachgehen, woher dies wohl rühren mag.
Denn Hacker wünscht sich eine Zivilität, in der sich jeder als öffentliche Person begreift. In ihrer Antrittsrede hat die Autorin daher Offenheit und Neugierde als Ergebnis einer individuellen Leistung gepriesen, als Haltung, die einem nicht in den Schoß fällt. Das Stadtschreiberamt mache sie nun zur öffentlichen Person: "zum Eigenbrötler, der trotzdem willkommen ist." KATHARINA DESCHKA-HOECK