03.10.2008 · Beiläufig ist cool: Die amerikanische Sängerin Stacey Kent und der Flügelhornist Nils Wülker entfalten in der Darmstädter Centralstation sehr verschiedene Vorstellungen von Jazz.
Von Wolfgang SandnerDie Lounge ist überall. Dem Jazz hat sie nicht geschadet. Man könnte sogar behaupten, erst durch die wiedererstandene Kultur des Räkelns und Herumliegens zur Entspannung sind auch bestimmte Formen des Jazz wieder populär geworden: der melancholische Cooljazz an der Bar um drei Uhr morgens, der beiläufige Singsang eines Chet Baker auf dem Studiohocker, die leise Dinner-Music einer Combo in den Restaurants der feinen Gesellschaft, der sanfte Bossa Nova nicht nur für Latin-Lovers, sondern für alle, die den Flirt als Lebensqualität propagieren.
Stacey Kent, die amerikanische Sängerin, die nach Europa kam unter anderem mit der Absicht, hier Sprachen zu studieren, und die dabei allmählich ihre besondere Liebe zum Jazzgesang entdeckte, profitiert heute ebenfalls vom Hang zum Chill-out. Es ist auch sicher kein Zufall, dass sie den Start ihrer internationalen Karriere Clint Eastwood verdankt, dem Mann mit Augen wie Schießscharten und spitzen Ohren für den Jazz, der sie zur Party seines 70. Geburtstags einlud, was durchaus einem Diplom für die gehobene Jazzlaufbahn entspricht. Mittlerweile hat sie zwei Alben herausgebracht und auch hierzulande schon einen guten Namen als neue Stimme unter den vielen neuen Koryphäen des weiblichen Jazzgesangs.
Intime Alltagslieder für die frühen Morgenstunden
In Darmstadt war sie jetzt mit einem Quartett zu hören, das in jeder Bar – siehe oben – eine gute Figur machen würde. Aber die Centralstation ist ein anderer Ort, die schicke Nüchternheit des Ambientes muss man erst einmal überwinden, was ihr vor allem mit ihren lässigen Ansprachen auf Deutsch recht gut gelang. Ihre verhalten-melancholischen Songs, zum Teil von ihrem Mann am Saxophon geschrieben und im Stile eines sehr zurückhaltenden Stan Getz begleitet, wirkten allerdings auf Dauer etwas monochrom. Ihr Billie-Holiday-Timbre und die Texte ihrer Songs – sophisticated wäre wohl die angemessene Charakterisierung dafür – benötigen eine andere Atmosphäre, um sich zu entfalten. Das sind eher intime Alltagslieder für die frühen Morgenstunden. Oder vielleicht Mimosen, die sich allzu gern verschließen, wenn sie im Konzert zu hart angefasst werden.
Da hatte es Nils Wülker mit seiner Funk-Jazz-Band in diesem Rahmen dann doch um einiges leichter. Gewiss ist auch er zu wunderbar einfühlsamen Balladen, vor allem auf dem Flügelhorn und im Dialog mit dem Pianisten Lars Doppler, fähig. Aber seine stark rhythmusbetonte Combo füllt den Saal mühelos mit kraftvollen Klängen zwischen Hardbop und elektronischem Jazzrock. Wülker gehört zu der mittlerweile imposanten internationalen Phalanx selbstbewusster Trompeter, die hemdsärmlig-vital daherkommen, aber darunter eine große Sensibilität verbergen. Und ein untrügliches Gespür für Melos besitzen. Es hat dem Jazz lange gefehlt. Gute Aussichten für die Zukunft.