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Staatstheater Wiesbaden : Mozart und Mossad

  • -Aktualisiert am

Szene aus „Wir werden unter Regen warten“ Bild: Karl & Monika Forster

Es sind keine weichgezeichneten Figuren, keine Vorzeigeflüchtlinge, denen er eine Stimme verleiht. Ihsan Othmanns „Wir werden unter Regen warten“ am Staatstheater Wiesbaden.

          Coshkun tanzt, um zu vergessen. Er breitet die Arme aus, er dreht sich im Kreis, ein Derwisch. Was Coshkun vergessen will, spielte sich in den Bergen Ostanatoliens ab. Coshkun, der Soldat, war dort Teil einer Antiterroreinheit. Doch weil es ihnen nicht gelang, PKK-Kämpfer aufzustöbern, erklärte ihr Kommandant kurzerhand eine Gruppe Bauern zu Terroristen und Vaterlandsverrätern. Coshkun wollte sich dieser Ungerechtigkeit verweigern, doch der Kommandant stellte ihm ein Ultimatum: Entweder du tötest, oder du wirst selbst getötet. Geflohen ist er aber aus einem anderen Grund. Weil seine Cousine einen Juden heiraten wollte, machte sich Coshkun auf den Weg nach Deutschland, um das zu verhindern.

          Es sind keine weichgezeichneten Figuren, keine Vorzeigeflüchtlinge, denen der Autor, Schauspieler und Regisseur Ihsan Othmann in „Wir werden unter Regen warten“ eine Stimme verleiht. Vor allem aber zeigt er: Es gibt eine Vielzahl an Geflüchteten, die sich aus einer Vielzahl unterschiedlichster Gründe nach Europa aufgemacht haben.

          Figuren auf dem Meeresgrund

          In sieben fiktiven Episoden erzählt der Theaterabend von einem staatenlosen Kurden, von einem schwulen Afghanen, einer somalischen Jüdin oder einer Opernsängerin aus dem Iran. Auf dem Meeresgrund treffen die Figuren aufeinander. Die Überfahrt auf dem Schlepperboot haben sie mit ihren Leben bezahlt, als Tote tauschen sie nun ihre Geschichten aus. Ein transparenter, in blaues Licht getauchter Vorhang vor der von Susanne Füller eingerichteten Bühne symbolisiert das Meerwasser, eine Armada an altertümlichen Koffern das Unterwegssein. Über den Darstellern erkennt man noch eine Reling. Auf ihr wird später Benjamin Krämer-Jenster als Wolfgang Gedeon, AfD-Parlamentierer aus Baden-Württemberg, auftreten. Jener Gedeon, der die Landtagsfraktion nach einem Eklat verlassen musste. Auf seiner Yacht übt er hasserfüllte Reden gegen die, die tot unter sein Boot treiben. Das ist ein plakatives, aber auch kein unpassendes Bild.

          Ihsan Othmann, ein aus dem Irak stammender Kurde, der seine Heimat selbst in den neunziger Jahren in Richtung Berlin verließ, hat das Stück nicht nur geschrieben, sondern die Uraufführung in der Wartburg des Wiesbadener Staatstheaters auch inszeniert. Dort war er zuvor schon als Regisseur der „Satanischen Versen“ eingesprungen. In der von Uwe Eric Laufenberg inszenierten „Entführung aus dem Serail“ gibt er den Bassa Selim.

          Umso brutaler

          Von der oft spröden Nüchternheit des Dokumentartheaters ist seine Inszenierung, eine Koproduktion mit dem Istanbuler Moda Sahnesi Theater und dem Jaffa Theater Tel Aviv, weitestmöglich entfernt. Seine Darsteller lässt er mit großer Geste spielen. Sie klimpern mit Geschirr, bearbeiten einen Koffer mit Schlagzeugstöcken, hantieren mit Matrjoschka-Puppen. Dazu gibt es Tanzchoreografien (von Serhat Kurhal) und kitschig-heitere Musik (von Nurhak Kilagoz). Die Flüchtlingsbiografien erscheinen oft wie Grotesken. Christina Tzatzaraki als iranische Opernsängerin Atosa wird von einem Kommissar vernommen. Sie behauptet, dass sie Konstanze heiße und dass ihr Traummann ein gewisser Herr Mozart aus Salzburg sei. Der Kommissar versteht stattdessen Mossad – und foltert die Sängerin nur umso brutaler.

          Das Stück ist absurd, komisch, überdreht. Man tut Othmann gewiss nicht unrecht, wenn man ihm attestiert, dass er mehr Märchenerzähler als Sozialdokumentarist ist. Engagiert ist sein Text trotzdem, auch vor Religionskritik scheut er nicht zurück. Die jüdische Somalierin Halimo erzählt davon, wie das Leben in ihrer Stadt zum Horror wurde, nachdem Islamisten die Macht übernommen hatten. „Unter der Burka sieht man alles nur in eckiger Form. Man sieht keine Kreise, Ovale, Dreiecke oder andere Umrisse“, sagt sie. Besser lässt sich der Irrsinn der religiösen Fanatiker kaum in Worte fassen.

          Nächste Aufführungen am 14., 15. und 16. Oktober jeweils um 19.30 Uhr in der Wartburg.

          Quelle: F.A.Z.

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