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Staatstheater Darmstadt Sizilianische Zeitmaschine

Erlösung von konventionellen Deutungsmustern: In Darmstadt hatten „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“ Premiere.

© Barbara Aumüller Vergrößern Szene aus „Pagliacci“ (Bajazzo) am Staatstheater Darmstadt

An der Schwelle zum 20.Jahrhundert sehnte sich die Kunst wieder einmal nach größerer Wahrhaftigkeit und Expressivität. Der italienische Verismo hatte sich wie alle derartigen Strömungen mit einer immanenten Paradoxie auseinanderzusetzen: Einfache Nachbildung mündet in Banalität, konzentrierende Konstruktion im Artifiziellen. Die veristischen Opern „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni und „Pagliacci“ (Bajazzo) von Ruggero Leoncavallo machten schon bei ihren Uraufführungen in den Jahren 1890 respektive 1892 Furore, weil ausgerechnet im künstlichsten aller Bühnengenres eine Art Quadratur des Kreises gelungen schien. 45 Jahre und 13 Opern später musste sich selbst Mascagni das Unüberbietbare des eigenen Geniestreichs eingestehen.

„Cavalleria“ und „Bajazzo“ werden bevorzugt im abendfüllenden Doppelpack aufgeführt, und auch Michiel Dijkema hat sich für seine Neuinszenierung am Staatstheater Darmstadt für diese Lösung entschieden. Dabei setzt er, was auf den ersten Blick erstaunen mag, zunächst auf Reduktion und Stilisierung. Im selbstentworfenen Bühnenbild genügen zur Darstellung des sizilianischen Dorfes in „Cavalleria rusticana“ Fragmente einer Kirche und des Hauses von Mama Lucia (Elisabeth Hornung), jeweils abwechselnd vom Bühnenrand ins Geschehen gleitend. Diese Rhythmisierung im Großen findet sich sodann heruntergebrochen bis zur Gestaltung kleinster Gesten, akribisch abgestimmt auf jedes Detail der Musik. Weil dabei eines vollkommen ins andere greift, erscheint das Ergebnis auf wundersame Weise natürlich und bietet zugleich Erlösung von konventionellen Deutungsmustern: Die Dorfgemeinschaft ist zwar vorhanden, und einzelne ihrer Vertreter drücken auch demonstrativ ihre Geringschätzung für die nach ihren Maßstäben sündig gewordene Santuzza (Katrin Gerstenberger) aus.

Handlungsentscheidend ist jedoch nicht der Druck des Kollektivs, sondern der jeweils individuelle Rhythmus, in welchem die Hauptpersonen unerbittlich befangen sind. Ein erster Höhepunkt ergibt sich diesbezüglich, als die Musik Santuzza und ihrem ungetreuen Liebhaber Turiddu (Joel Montero) beim Streit auf dem Dorfplatz Gleichklang verordnet. Die Personenführung nimmt das auf, gibt dem der schönen Lola (Erica Brookhyser) verfallenen Mann jedoch einen leicht anderen Dreh, wodurch Affinität und Disparatheit schmerzhaft kollidieren.

Tito You, der als Fuhrmann Alfio den Nebenbuhler Turiddu regelrecht abschlachtet, hat im „Bajazzo“ als buckliger Schauspieler Tonio seinen zweiten Auftritt. Jahrzehnte müssen vergangen sein, denn das Dorf ist in schäbiger Jetztzeit angekommen. Mama Lucias Haus beherbergt nunmehr eine grell illuminierte „Bar Sport“. Satellitenschüssel und Klimaanlage verzieren die Außenwand; Graffiti überdecken verblichene Blutspuren. Eine hedonistische Gesellschaft bevölkert den Ort, geschichtsfrei und vermeintlich unbelastet.

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Die Regie lässt auch dem Saalpublikum zunächst seinen Spaß, es bedarf genauen Hinsehens, um in den wunderbar gesetzten Pointen Partikel künftigen Grauens aufzuspüren. Silvios erster Auftritt beispielsweise ist als Studie demonstrativer Lässigkeit vor allem grandios komisch; dass sein schickes rotes Rennrad für die geplante Flucht mit der Geliebten Nedda (Susanne Serfling) untauglich ist, kann und soll in diesem Moment nicht auffallen. Doch selbst als sich die diskreten Zeichen abgelöst finden von der berstenden Wut des gehörnten Canio, betäubt das einsetzende Spiel im Spiel das Bewusstsein für den aufreißenden Abgrund. So liebreizend ist die Commedia-dell’-Arte-Geschichte von Pagliaccio, Taddeo, Arlecchino und Colombina, dass man sich mit dem Dorfpublikum auf der Bühne identifiziert und Bajazzo-Canio die Mordlust nicht abnimmt. Sekunden später sind Nedda und Silvio tot.

Die Komödie ist vorbei, und zunächst ist den Mitwirkenden zu gratulieren: dem Staatsorchester Darmstadt unter der Leitung von Michael Cook für die konzentrierte, klangsensible Grundierung und Ausdeutung des Geschehens, den hinsichtlich der Bewegungsabläufe bestens geführten Chören, den Sängerdarstellern, die sich vorbehaltlos auf die Innenseite ihrer Rollen eingelassen haben. Besonders zu würdigen aber ist die Leistung von Michiel Dijkema: Perfektionistische Werkdurchdringung und Werknähe mit derart entlarvender Aktualisierung zu verbinden ist eine Meisterleistung. Chapeau.

Nächste Aufführungen am 11. 15. und 29. Dezember, jeweils von 19.30 Uhr an im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt

Quelle: F.A.Z.

 
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