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Sinclair-Haus Bad Homburg Märchenhafte Metamorphose im Swimmingpool

 ·  „Im Schein des Unendlichen“ zeigt Kunstpositionen, die die Romantik hinterfragen.

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„Denn das ist der Anfang aller Poesie, den Gang und die Gesetze der vernünftig denkenden Vernunft aufzuheben und uns wieder in die schöne Verwirrung der Phantasie, in das ursprüngliche Chaos der menschlichen Natur zu versetzen, für das ich kein schöneres Symbol bis jetzt kenne, als das bunte Gewimmel der alten Götter.“ Nun, das Chaos hält sich im Altana-Kulturforum dankenswerterweise in Grenzen. Und wiewohl Prosa und Gedichte von Novalis, Tieck und Herder oder auch, wie hier, von Friedrich Schlegel die Wände im Sinclair-Haus Bad Homburg zieren, sind die alten Götter in der aktuellen Schau nicht allzu penetrant zugegen.

Zwar lassen sich romantische Motive, Themen und Verweise auf Märchen oder Mythos in den Arbeiten der 13 Künstler allenthalben finden. Doch die „Im Schein des Unendlichen“ überschriebene, im Rahmen des Projekts „Impuls Romantik“ vom Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main initiierte Ausstellung, die seit gestern den Spuren der Romantik in der Kunst der Gegenwart zu folgen verspricht, tappt nicht blind in die Romantik-Falle, wie es die Kritik etwa 2005 den „Wunschwelten“ in der Frankfurter Schirn vorgeworfen hat.

Sicher, auch die von Johannes Janssen und Martina Padberg kuratierte Schau mag man zunächst als ein Symptom jenes seit 20 Jahren von Kunstmarkt und Kuratoren propagierten Trends begreifen, erst einen lauen romantischen Wind in die angeblich so spröde Gegenwartskunst zu blasen und die Turbulenzen dann als Wiederkehr der Romantik auszugeben.

Vorwurf der Beliebigkeit

Und angesichts eines sehr weit gespannten Horizonts mit Positionen, der von Susanna Majuris märchenhaften Inszenierungen über Nils-Udos mit Ästen und Weidenruten auf einem Erdhügel errichteten „Tabernakel“ bis zu einer frühen, noch vor dessen Abgleiten in den Kitsch entstandenen Videoarbeit Bill Violas reicht, muss sich die Auswahl den Vorwurf der Beliebigkeit gefallen lassen. Auch die Frage, wie es kommt, dass Marina Abramović Video gewordene Performance „Stromboli“ hier frei nach Novalis die Kunst der Gegenwart romantisieren soll.

Gelungen ist die Schau insofern, als sie darauf verzichtet, eine neue Romantik bloß zu behaupten und hübsch wie wohlfeil zu bebildern. Und statt den Mythos, das Erhabene und das „Gewimmel der alten Götter“ in die Gegenwartskunst hineinzulesen, vielmehr eine Vielzahl an Haltungen und Strategien präpariert, sich postromantisch mit Themen und Motiven der Romantik zu beschäftigen.

Im Pool versenkte Phantasielandschaft

Dabei sind es neben dem Eisberg, den Mariele Neudecker passgenau durch die Türen geschoben hat, vor allem die fotokünstlerischen Positionen, die mal sehnsuchtsvoll, mal konzeptuell oder voller Ironie den romantischen Blick als gebrochenen vorführen. Das gilt für die Aufnahmen scheinbar unberührter, indes hier von einer Discokugel, dort von einer Glühbirne illuminierten Waldinterieurs Alec Soth’ wie für die digitalen Neuinszenierungen verschollener Gemälde Kaspar David Friedrichs, wie sie der Japaner Hiroyuki Masuyama vorführt, und selbst für die Traum und Metamorphose umkreisenden Fotos Susanna Majuris.

Zwar sieht man junge Mädchen in Unterwasserwelten schweben, doch ist die Natur nur Prospekt, eine aus Versatzstücken von Werbung oder illustrierten Märchenbüchern komponierte Phantasielandschaft, die die Künstlerin im Swimmingpool versenkt.

Die komischsten Arbeiten sind jene, die der Inszenierung des Sublimen auf den ersten Blick am nächsten kommen und das Streben danach zugleich frech zu unterlaufen trachten wie der feierlich aufgesockelte, von einem winzigen Papierkreuz gekrönte Quarzbrocken des Belgiers Kris Martin. Und Darren Almonds „Fullmoon“-Serie bleibt es vorbehalten, die Romantik nicht als Projektion, sondern in der eigenen Gegenwart zu finden. Nicht als lauen Wind, sondern als zarten, wahrlich betörenden Hauch.

So wandelt er mit seinen Aufnahmen der Kreidefelsen auf Rügen zwar auf den Spuren Caspar David Friedrichs. Die romantische Sehnsucht aber, von der diese Fotos zu sprechen anheben, findet sich, glaubt man der Anekdote, außerhalb des Bildes; war doch der Künstler, als er die Serie begann, nun, sagen wir, ein wenig abgelenkt. Und hat schlicht die Belichtungszeit vergessen, dafür aber den „Anfang aller Poesie“ durchaus im Sinne Schlegels wohl in gerade jenem zauberhaften Augenblick gefunden: in einem langen, offenbar unendlich langen Kuss.

Die Ausstellung im Sinclair-Haus in Bad Homburg, Löwengasse 15, ist bis 24. Februar dienstags von 14 bis 20 Uhr, mittwochs bis freitags von 14 bis 19 Uhr sowie am Wochenende von 10 bis 18 Uhr zu sehen. An den Weihnachtsfeiertagen und am 1. Januar ist die Schau jeweils von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Am 24. sowie am 31. Dezember bleibt die Ausstellung geschlossen. Der Katalog kostet 25 Euro.

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17.12.2012, 20:37 Uhr

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