09.08.2009 · Bald wandelt Mick Hucknall endgültig auf Solopfaden. Bis dahin nimmt Simply Red Abschied. Auch in der Mainzer Zitadelle. Wie gewohnt hatte die Band das Publikum ab dem ersten Takt voll im Griff.
Von Michael Köhler, MainzIm Grunde könnten Simply Red ewig so weitermachen wie bisher. Alle paar Jahre könnten die Musiker der zur Institution gewordenen britischen Band ein Album mit zeitlosem Soul-Pop vorlegen, regelmäßig ihre Tourneen absolvieren und sich ansonsten rarmachen, um das auf diese Weise gescheffelte Millionenvermögen zu genießen. Doch ihr Chef Mick Hucknall, Feinschmecker, Weinkenner und Frauenbetörer, marschiert mit mittlerweile auch schon 49 Jahren stramm auf die Midlife-Crisis zu und hat es sich nun mal partout in den Kopf gesetzt, die Welt fortan als Solointerpret zu beglücken. In seinen Jahren neigen Männer mitunter eben dazu, sich noch einmal beweisen zu müssen. Dabei stellt sich die Frage nach Simply Red oder Mick Hucknall nicht wirklich, weil es zwischen den beiden schlicht keinen Unterschied gibt. Wer kann schon spontan eines der anderen Bandmitglieder mit Namen benennen?
Wie ernst es Hucknall mit den Plänen für die eigene Karriere ist, macht er bei zugezogenem, aber trockenem Himmel in der malerischen Kulisse der Mainzer Zitadelle schnell klar. Nachdem Alleinunterhalter Hanan im Vorprogramm gefühlte hundert Interpretationen von Pop-Klassikern zum Besten gegeben hat, dudeln die Lautsprecher bis zum schlicht grandiosen Auftakt mit Simply Reds „It’s Only Love“ ausschließlich Nummern aus Hucknalls Solowerk „Tribute To Bobby“, einer Hommage an die fast vergessene amerikanische Soul-Legende Bobby Bland. Das bisschen Eigenwerbung sei Hucknall gegönnt, dem man 2003 nachsagte, er hätte nichts dagegen, wenn er für die Labour Party ins britische Oberhaus einziehen dürfe. Zumal Simply Red beim späten Gastspiel zum Ende einer monatelangen Abschiedstournee noch immer in ausgezeichneter Kondition und Spiellaune sind.
Vom ersten Takt an im Griff
Viele Worte macht Hucknall, ganz Gentleman in hellgrauer Hose und Weste zu dunkelblauem Hemd, trotzdem nicht. Anderthalb Stunden lang lässt der rotgelockte Mann mit dem blassen Teint und den sparsamen Gesten ausschließlich ein Feuerwerk an Hits für sich sprechen – gut abgehangen und recht originalgetreu so interpretiert wie auf den elf Studioalben, die seit dem Debüt mit „Picture Book“ im Jahr 1985 erschienen sind. Mit fast dem gleichen Repertoire in nahezu identischer Reihenfolge versetzten Simply Red erst vorigen Mai das Publikum in der ausverkauften Frankfurter Festhalle in Verzückung. Doch auf solche Petitessen kann eine Band im Endspurt, die noch einmal die Tour-Maschinerie angeworfen hat, naturgemäß nicht wirklich Rücksicht nehmen – auch wenn sich ein braungebrannter Herr mit Designerbrille am Bratwurststand bei seiner Begleiterin lautstark über das ihm schon ein wenig zu gut bekannte Programm beklagt.
Im Griff haben Simply Red ihr auf launige Samstagabendstimmung geeichtes Publikum ohnehin vom ersten Takt an. Es entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie, dass knapp ein Vierteljahrhundert alte Klassiker wie „Holding Back The Years“ und „Come To My Aid“ in sparsamen Arrangements heutzutage mehr authentisches Soul-Flair versprühen als in den zu bombastischen Produktionen neigenden achtziger Jahren. Zwischen Publikumsrennern wie „Thrill Me“, „The Right Thing“ und „Fairground“ in animierender Nachtclub-Atmosphäre bekennt Hucknall dann noch, er sei ein glühender Fan der Swinging Sixties. Das verblüfft dann doch ein wenig, weil die ebenfalls zu hörenden Cover-Versionen von „Money’s Too Tight To Mention“ von den Valentine Brothers, „The Air That I Breathe“ von The Hollies und „If You Don’t Know Me By Now“ von Harold Melvin & The Blue Notes zum Finale sämtlich aus späteren Dekaden stammen.