13.08.2008 · Es war ein rundum beglückender Abend mit Sigur Rós im Wiesbadener Schlachthof: Die Band zeigte, wie sich Isländer ein Rockkonzert vorstellen.
Von Lotta GörgenDass Sigur Rós ihr Konzert im Schlachthof in Wiesbaden ausgerechnet mit einem ganz frühen Hit einleiten würden, hätte man wohl am wenigsten erwartet. Wobei der Ausdruck „Hit“ relativiert werden sollte, schließlich versteht man unter einem Hit gemeinhin so etwas wie einen radiotauglichen Gassenhauer – eine Beschreibung, die auf Sigur-Rós-Lieder nun wirklich nicht zutrifft.
Liefen Sigur-Rós-Stücke im Radio, man müsste sich ernstlich um das Wohl von LKW-Fahrern sorgen, die, von wohlig-sphärischen Klängen eingelullt, womöglich sanft einnickten, um hernach von brachialem Gitarrengetöse um so unsanfter geweckt zu werden, sofern vorher nichts Schlimmeres passiert wäre. Hit wäre also zu viel gesagt. Andererseits ist man ja schon froh, wenn man mal etwas wiedererkennt, schließlich kann man sich die Refrains der Isländer in der Regel so gar nicht merken. Da spielt es keine Rolle, ob Sänger Jon Thor Birgisson nun tatsächlich auf Isländisch oder, wie bisweilen behauptet wird, in einer Fantasiesprache singt.
Bombastgetöse und Pink-Floyd-Lichtshow
Begonnen wurde der Auftritt in Wiesbaden jedenfalls mit einem elegisch gehauchten Ambient-Stück namens „Svefn-G-Englar“ vom ersten Sigur-Rós-Album „Agaetis Byrjun“, und es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis man mit den aktuellen, schmissig-rockigeren Stücken wie „Gobbledigook“ herausrückte.
Dabei fühlte sich die isländische Erfolgsband in den vergangenen Jahren immer mal wieder genötigt, zu erklären, dass sie in erster Linie Rockmusik machten und keinen Sphärenklimbim, dass sie in Wirklichkeit Iron-Maiden-Fans seien und überhaupt viel lieber Kaffee tränken statt Tee. Allerdings scheint man als Isländer eine ganz eigene Vorstellung von einem Rockkonzert zu haben. Zwar warteten Sigur Rós tatsächlich mit düsterem Bombastgetöse und Pink-Floyd-Lichtshow auf, andererseits saß da eine Gruppe weiblicher Streicher auf der Bühne, einem Xylophon wurden plätschernde Glockenspielklänge entlockt, der Synthesizer produzierte einen verspielt klingenden Soundteppich, und eine Truppe von Bläsern stapfte in einer Mischung aus Mariachi- und Blaskapellenmanier zur Tuba im Kreis. Es gab Seifenblasen, Nebel, Konfetti und bunte Lichter, und über allem schwebte diese bisweilen beängstigend hohe Knabenchorstimme Jon Thor Birgissons, die in etwa so klingt, als habe Klaus Nomi einen ausnehmend melancholischen Tag gehabt.
Gitarren- und Schlagzeuggewitter
Dass Birgisson seine Gitarre mit einem Cellobogen bearbeitet und dabei aussieht wie ein von der Tarantel gestochener Totengräber, ist nur eine der Merkwürdigkeiten, für die Sigur Rós mittlerweile berühmt und beliebt sind.
Es war denn auch ein rundum beglückender Abend im Schlachthof: Pärchen lagen einander in den Armen und wiegten sich zu opulent-orchestralen Kompositionen, die nicht selten in bombastischen Gitarren- und Schlagzeuggewittern mündeten. So kamen auch die anwesenden Heavy-Metal-Fans auf ihre Kosten.