29.09.2006 · Die dänische Dichterin Inger Christensen ist im Schauspiel Frankfurt mit dem Siegfried-Unseld-Preis ausgezeichnet worden. Das ist vollkommen richtig, findet Durs Grünbein.
Schade, daß man Inger Christensen ihren Preis nicht auf einer Wiese überreichen konnte. So erinnerte bei der Verleihung des Siegfried-Unseld-Preises auf der Bühne des Schauspiels Frankfurt nur ein mannshoher Lilienstrauß an die natürlichen Schmetterlinge, deren dichterische Doppelgänger Christensen mit Gedichten aus ihrem „Schmetterlingstal“ evozierte.
Mit dem Siegfried-Unseld-Preis, der mit 50.000 Euro dotiert ist, im Jahr 2004 an Peter Handke ging und in diesem Jahr zum zweiten Mal vergeben wurde, erhält die 1935 im jütländischen Vejle geborene dänische Dichterin einen Preis, der ihrem Lebenswerk gewidmet ist. Nach ihrem Debüt mit „Licht“ und „Gras“ zu Beginn der sechziger Jahre veröffentlichte Christensen aufsehenerregende Bände wie „Es“ (1969) und „Alphabet“ (1981), in denen sie die Sprache Ordnungsmustern unterwarf, die vom mathematischen System der Fibonacci-Formel bis zum Zufall reichen konnten.
Sie gilt als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Lyrikerinnen Europas, hat aber auch Romane wie „Die Ewigkeitsmaschine“ (1964) und „Azorno“ (1967) geschrieben. Ihren größten Erfolg allerdings feierte sie seit 1991 mit dem „Schmetterlingstal“, dem virtuosen Sonettenkranz, der im Untertitel die Bezeichnung „Ein Requiem“ trägt.
„An der Grenze zur Vollkommenheit“
Durs Grünbein, der für Inger Christensen die Laudatio hielt, nannte es „ein Kunstwerk an der Grenze zur Vollkommenheit“ - er kenne kein anderes Werk der Gegenwartsdichtung, das „einer Unabschließbarkeit im Innern bei äußerlich abgeschlossener Form“ so nahe komme. Der Dichterin zu Ehren hatte Marcel Beyer zuvor in Christensens Schmetterlingsthema eingeführt. Er schritt einen Spaziergang Paul Celans vom Anfang der sechziger Jahre nach und entdeckte in den dichterischen Bildern, mit denen Celan diesen Spaziergang beschrieb, altgriechische, slawische und französische Metaphern von der Psyche, die sich als Schmetterling auf den Blumen niederlasse. Er erzeugte auf diese Weise eine Sicht der Dichtung, die der Lebensfreude, dem Todeswissen und dem Sprachkönnen von Christensens „Schmetterlingstal“ gleichermaßen gerecht wurde.
Inger Christensen begrüßte ihr Publikum in deutscher Sprache. Sie danke allen, die dazu beigetragen hätten, daß der Festabend Wirklichkeit geworden sei: „Wir sind hier. Und für mich ist es eine große Ehre, diese Freude mit Ihnen teilen zu können.“ Zum Schluß des Abends las sie auf deutsch und dänisch aus dem „Schmetterlingstal“.
Wer kein Dänisch spreche, sagte sie, könne sich unterdessen „ein bißchen wundern“ und seinen eigenen Gedanken nachhängen - ein Gedicht dauere eine Minute. Im Vortrag der Dichterin hörte man dann die „unglaublich sanfte, wunderbar unverdrossene Stimme“, die Durs Grünbein zuvor beschrieben hatte. Und wie Grünbein dürften auch andere Hörer von Christensens Dänisch „die Nichtbeherrschung dieser Sprache sofort als schlimmen Verlust“ empfunden haben.
„Bescheiden und unbescheiden zugleich“
Es war aber nicht nur ein Abend für Inger Christensen, sondern auch ein Abend des Gedenkens an Siegfried Unseld, an dessen Geburtstag der nach ihm benannte Preis auch in diesem Jahr verliehen wurde. Raimund Fellinger erinnerte an Unselds gescheiterten Versuch, zusammen mit Persönlichkeiten wie Theodor Heuss, Theodor W. Adorno und Hermann Josef Abs zu Beginn der sechziger Jahre einen Deutschen Literaturpreis zu lancieren. Er sah in der Auslobung des nach dem Verleger benannten Preises durch die Siegfried-Unseld-Stiftung die Fortführung dieses Projekts. „Bescheiden und unbescheiden zugleich“ habe Unseld gewollt, daß der nach ihm benannte Preis sich in Konkurrenz mit anderen Literaturpreisen des deutschen Sprachraums Ansehen erwerbe.
Glücklich wäre Siegfried Unseld gewesen, wenn er die Veranstaltung hätte sehen können, meinte Ulla Unseld-Berkewicz. Auch zu seinen Zeiten hätten Autoren den Suhrkamp Verlag verlassen, fügte sie hinzu. Um zwei dieser Autoren habe Siegfried Unseld getrauert - um Thomas Kling und um Marcel Beyer. Um so mehr hätte sich Unseld über das gefreut, was sie dem Publikum verkünden könne - Marcel Beyers Bücher würden in Zukunft wieder bei Suhrkamp erscheinen.
Ralf Rothmann, einer der Autoren, die der Verlag zu Unselds Lebzeiten verlor, gedachte der Trennung von seinem Verlag klaren Auges, des ehemaligen Verlegers aber voller Zuneigung. Als ihn einmal das Gefühl übermannt habe, Unseld betreibe bei seinen Treffen mit ihm nur automatisierte Autorenpflege, habe er sich mit dem Verleger ins Cafe gesetzt und geschwiegen. Siegfried Unseld habe sich dieser Haltung angeglichen und dabei sein „wahres Gesicht“ erblicken lassen: „reine Empfindsamkeit, stille Daseinsfreude, Dank“.