08.09.2010 · Noch einmal wegen des großen Erfolges: Von heute an gibt es in der Frankfurter Schirn und vor allem anderswo wieder „Playing the City“ von und mit den Bürgern.
Von Christoph SchütteVielleicht sollten wir uns doch mal ein, zwei Tage Urlaub gönnen. Oder gleich eine Woche, besser noch zehn, optimal freilich wären mindestens so um die 14 Tage. Denn wenn die Frankfurter Schirn Kunsthalle von heute an bis zum 26. September mit der zweiten Ausgabe des Ausstellungsprojekts „Playing the City“ buchstäblich die Stadt bespielt, wenn mehr als 20 Künstler sei es den Betrachter, sei es zufällige Passanten, unbescholtene Bürger und Flaneure irgendwo in der Stadt mit Aktionen, Interventionen und Installationen mitunter nur für ein, zwei Tage fordern, überraschen und zur Kommunikation einladen, dann braucht man, will man sich nicht allein auf Schicksal, Glück und den Zufall verlassen, vor allem etwas Zeit und außerdem Geschick für die eigene Planung, um möglichst viel davon mitzubekommen.
Das freilich ist durchaus im Sinne des Erfinders. Denn im Vergleich zur ersten Ausgabe von „Playing the City“ vor eineinhalb Jahren gehe es nicht nur um den öffentlichen Raum, sondern mehr noch um Öffentlichkeit, wie Kurator Matthias Ulrich sagt, um eine „soziale Plastik, eine soziale Skulptur“, die Gemeinschaftlichkeit ermögliche. Und wo es gutgeht, nimmt man sie auf den ersten Blick womöglich gar nicht wahr. Das gilt selbstredend nicht für jene Arbeiten, die in der Schirn und also im Kunstkontext selbst ihren Raum haben wie Christoph Faulhabers die Diskussionen um den Wiederaufbau von Ground Zero dokumentierende Arbeit „New York, NY 10047/48“ und schon gar nicht für die Installation, die das kroatisch-österreichische Künstlerkollektiv For Use/Numen unter dem Tisch der Schirn installiert hat.
Ganz privat
Denn die begehbare, an biomorphe Architekturentwürfe erinnernde Skulptur aus transparentem Kunststoff-Tape lässt sich schlechterdings nicht übersehen. Andere Arbeiten unterminieren den profanen Alltag dagegen eher nebenbei. Wenn etwa Josef Loretan in Anlehnung an die Frankfurter Skyline eine Fahrradklingel entworfen hat, die man sich samt Zweirad in der Schirn ausleihen kann, wenn Paola Pivi vom 14. bis 17. September mit zwei Teams à sechs Musikern den öffentlichen Nahverkehr heimsucht, um den Pendlern ein bisschen was vorzusingen und zum Mitmachen zu animieren, dann könnte man derweil schon einmal lieber ignorieren oder gar lapidar entgegnen: „Sorry, hab’ kein Kleingeld heute.“
Ganz privat wird es dagegen, lässt man sich von Leonid Tishkov buchstäblich für eine Nacht den Mond vom Himmel holen, um ihn einmal ganz romantisch nur für sich, bei uns zu Hause also, zum Beispiel im Schlafzimmer zu installieren oder auch bei Lee Mingwei, der, gerade während wir uns unterhalten, aus unseren zehn Euro eine Origami-Figur faltet.
So dezent wie plakativ
Freilich, die vielversprechendsten Interventionen sind dann doch vor allem jene, die sich explizit politisch geben und die Betrachter, Nachbarn und Passanten mal eher still, mal ganz gezielt auffordern, sich zu positionieren und eine Haltung einzunehmen. Das gilt für die „Open Debate Station“, die Clegg & Guttmann vom 12. bis 19. September in dem kleinen Park inmitten der Frankfurter Brückenstraße etablieren wollen, ebenso wie für die Bodyguard-Performance der Frankfurter Künstlerin Vanja Vukovic (20. bis 22. September) oder „Garbage II“ des bulgarischen Künstlers Ivan Moudov.
Denn sein Eingriff ist so dezent wie plakativ, so privat wie öffentlich. Moudov hat an zahlreichen Orten ein paar schlichte Restmülltonnen aufgestellt, die sich von dem Modell in unserem Hinterhof nur durch ein leicht zu übersehendes Detail, einen Schriftzug unterscheiden, der die Müllabfuhr gerade wie so manchen Mieter etwa in der Münzgasse womöglich doch ins Grübeln bringt: „Dieser Müll wird in Polen entsorgt.“ Nun ja, mag sich da mancher denken, das kann ja wohl nicht illegal sein, Polen liegt außerdem weit weg. Und doch kommt man am Ende kaum umhin, sich zu entscheiden. Und denkt ein wenig nach über Müllvermeidung und Abfallwirtschaft, Umweltsünden und Nachhaltigkeit. Wäre ja was. Oder man nimmt halt lieber doch die Tonne nebendran.