05.06.2011 · Ein Mann zwischen Südstaatenschönheit und Bauersfrau: Am Schauspiel Frankfurt zeigt Alice Buddeberg „Das Scarlett-O’Hara-Syndrom“.
Von Christoph SchütteSo langsam hat man sich daran gewöhnt, dass neben all den großen Dramen im zeitgenössischen Theater mehr und mehr Romane, Erzählungen und Filme den Weg auf deutsche Bühnen finden. Bloß wozu? Reichen die Stoffe der alten und jungen Autoren des Theaters uns nicht mehr aus? Oder bilden Bücher, Filme und Popsongs unsere Welt schlicht zeitgemäßer und deshalb besser ab, weil wir sie außerhalb der Populärkultur womöglich gar nicht mehr erkennen? Aber was soll dann das Theater? Fragen über Fragen, die sich nun im Schauspiel Frankfurt wieder einmal stellten, in dessen Kammerspielen Alice Buddeberg nach ihrer gemeinsam mit Thomas Huber erstellten Vorlage „Das Scarlett-O’Hara-Syndrom“ zur Uraufführung gebracht hat.
Nicht dass Buddeberg und Huber ernstlich eine Bühnenfassung von „Vom Winde verweht“ erstellt hätten, im Gegenteil. Das Melodram erweist sich hier von Anfang an als perspektivisch und medial gebrochen. Mehr noch, das gewaltige Leinwandepos bildet im Kern vornehmlich die verführerisch leuchtende Folie dieses Stücks. Was sich auf ihr zeigen soll, sind die ganz großen Themen, nicht nur so, wie sie Hollywood gehören, sondern auch heruntergebrochen auf eine Biographie, wie man sie aus der eigenen Familie kennt. Thomas Huber sitzt denn auch mit Cola und Popcorn gleich zu Beginn im Zuschauerraum wie im Kino, während das Publikum auf der Bühne Platz genommen hat, und sieht: „Vom Winde verweht“.
Harte Schnitte in ein bayrisches Bauernhaus
Und spielt fortan alle Rollen in diversen Schlüsselszenen. Gibt hier Rhett Butler, dort den Langweiler Ashley, mal Melanie, mal Mammy und immer wieder Scarlett, die, himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt, am Ende zumindest fest entschlossen ist, das heimatliche Gut zu retten. Huber dabei zuzusehen, wie er die Charaktere präpariert und in Mimik, Gestik und Sprache verdichtet, ist fraglos ein immer wieder auch hochkomisches Vergnügen. Allein, das Drama, das Buddeberg und Huber in ihrem Stück zu entfalten trachten, es will sich lange nicht recht zeigen.
Zwar haben sie dem Abend durchaus absichtsvoll den Untertitel „Ein Stück Heimat“ gegeben. Und damit man das auch ja versteht, blendet die Handlung immer wieder mit unvermittelt harten Schnitten in ein bayrisches Bauernhaus, in dem Großmutter Pauline ihrem Enkel vom Krieg und von der Liebe erzählt und mahnt, den Hof nur ja nicht zu verkaufen: „Nur das Land und das Gold besteht.“ Und man versteht: Der Boden, die Liebe, der Krieg. Das hätte Scarlett, das hätte jeder Gutsbesitzer in den Südstaaten vorbehaltlos unterschrieben.
Es erscheint wie ein anderes Stück
Das also ist für Buddeberg und Huber die Essenz des Films, die auf der Bühne zu verdichten Aufgabe des Theaters wäre. Scarlett, ein Trümmerfrauenschicksal. Das hat Charme, bleibt aber als Stück Fragment. Denn im Grunde kommen beide Erzählstränge nicht zusammen. Stattdessen spielt Huber seinem Publikum neunzig Minuten gleichsam einen Film in ausgesuchten Szenen vor und erinnert sich zwischendurch, manchmal nur für einen schönen, sehr zarten Augenblick, an Pauline Haller, der dieser Abend auch gewidmet ist.
Und am Ende, ganz am Ende, ist man auch endlich einmal ganz bei ihr und ihrer Geschichte, die noch den Enkel und sein Publikum rühren und etwas angehen könnte. Aber hier erscheint es wie ein anderes Stück. Ein Stück Wirklichkeit, deren Wahrhaftigkeit naturgemäß das prosaische Gegenstück zum Melodram vorstellt. Doch was vermag sie gegen die Macht der Projektion? Noch hier, im Theater also, stiehlt Scarlett, stehlen Rhett und Ashley, Melanie, Mammy und all die anderen im kollektiven Gedächtnis der Filmbilder aus Technicolor gespeicherten Figuren Pauline Haller schlicht die Show. Schauspielerisch, noch einmal, ist das ein wunderbarer Abend. Ein Stück ist es nicht.