06.01.2006 · Früher hat sie Mütter verachtet, die ihre Babys vor der Glotze parken, die beim Stillen Bier trinken und ihre Kinder mit Keksen ködern. Ja - früher. Inzwischen ist Deborah selber Mutter. Und lebt mit Windeln, wenig Sex und anderen Katastrophen.
Von Katharina Deschka-HoeckFrüher hat sie Mütter verachtet, die ihre Babys vor der Glotze parken, die beim Stillen Bier trinken und ihre Kinder mit Keksen ködern. Ja - früher. Inzwischen ist Deborah selber Mutter. Und hat längst gemerkt, daß nicht alles ideal laufen kann mit den reizenden Kleinen, weil die besten Vorsätze dem aufreibenden Alltag nicht standhalten.
Um „Windeln, wenig Sex und andere Katastrophen“ geht es in dem satirischen Stück „Traumfrau Mutter“, das bis zum 15. Januar im Frankfurter Zoopalais gastiert. Verfaßt haben es sechs Frauen, Schauspielerinnen, die sich 1993 in Vancouver zu einem Theaterfestival trafen und feststellten: Hilfe, wir sind alle Mama geworden, und nichts ist mehr wie vorher. Aus dem Austausch ähnlich leidvoller Erfahrungen wurde schließlich das Stück, das schrill, ironisch und manchmal auch böse mit dem Mythos aufräumt, mit dem Auftauchen eines kleinen Rackers sei das Leben plötzlich in mildes Licht getaucht und eine Mutter nur herzlichster Gefühle fähig.
Allltag von Karrierefrauen auf den Kopf gestellt
Sechs Frauen jammern, schimpfen und lachen über ihr Dasein als Mutter und den schmerzhaften Verlust ihres alten intellektuellen Lebens: Eindrucksvoll und witzig ist das aus vielen kleinen Szenen zusammengesetzte Programm, weil es authentisch wirkt. Und weil man ihm immer noch anmerkt, wie es einst entstanden ist - nämlich in einer Runde überdrehter Leidensgenossinnen, die endlich mal Dampf ablassen. Die deutsche Fassung unter der Regie von Comedy-Schauspieler Ingolf Lück hat diesen Eindruck hinübergerettet. Auch wenn die Inszenierung mit ihrer Aneinanderreihung von Gags bisweilen an die „Wochenshow“ erinnert.
Schade nur, daß Lück vor derben Mitteln nicht zurückschreckt und ausgerechnet die fülligere Darstellerin zur Erheiterung des Publikums nackt über die Bühne rennen läßt. Und bedauernswert auch, daß an einigen wenigen Stellen die Komik ins Kitschige zu gleiten droht, etwa wenn Mama ein süßlicher Song gewidmet wird: Ein paar Kürzungen hätten dem sonst sehr unterhaltsamen Abend sicher besser getan. Durchweg überzeugend vermitteln schließlich Kathleen Gallego Zapata, Simone Grunert, Cay Helmich, Maria Schuster, Barbara Becker und Ilona Schulz, wie der Alltag der Karrierefrauen mit Schwangerschaft und Geburt auf den Kopf gestellt wird. Wie es sich anfühlt, stundenlang mit dem kranken Töchterchen auf dem Bett zu sitzen - mit einem Neun-Teile-Puzzle und einem Bilderbuch.
Abends viel zu erschöpft für Sex
Wie sie sich nachts in ein zitterndes Angstbündel verwandeln, weil sie an die Gefahren denken, die den Kleinen drohen. Wie sie verärgert die ausgespuckten Öko-Zucchini von der Kühlschranktür kratzen. Daß sie eigentlich abends immer viel zu erschöpft sind für Sex. Und daß es doch genau das Leben ist, das sie wollten - „das volle Leben“.
Katharina Deschka-Hoeck Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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