http://www.faz.net/-gzg-995qk

Staatstheater Darmstadt : Das Stück zur Lage

Szene aus „Everybody knows“ von Rui Horta in Darmstadt Bild: Nils Heck

Rui Horta macht sich am Staatstheater Darmstadt seinen Tanztheater-Reim auf unsere Gesellschaft.

          Man kann natürlich auch mit Schiller, Kant oder Aristoteles versuchen, Leute zu verprügeln. Sie meint es doch nur gut, die Mutter der Nation, die blonde Politikerin, die „Bildung! Kultur! Bücher!“ predigt, bis ihre Stimme beinahe überschnappt. Der arme dunkelhaarige Mann, dem der Mund mit den von ihr eigenhändig aus Büchern gerissenen Seiten abendländischer Weltliteratur gestopft wird, scheint die Bildungsoffensive nicht zu überleben.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber keine Angst: Das Publikum, zu Beginn von der Landesmutter als erweiterte Familie, als Volk, begrüßt, darf gemütlich in den roten Theatersesseln sitzen bleiben, während andere leiden. Rui Horta ist es bitter ernst mit „Everybody Knows“, einem Tanztheater-Musikabend, den er sich im Auftrag des Darmstädter Staatstheaters ausgedacht hat. Und er nimmt lieber gleich den großen Pinsel, auch wenn es durchaus komisch ist, wenn der Glaube an die Durchschlagskraft der Kultur derart handfest zum Ausdruck kommt. Oder nicht?

          The boat is leaking

          Auf dieses Fragezeichen kommt es Horta an, auf die Unsicherheit, den Selbstzweifel, das Unbehaustsein und die Ratlosigkeit angesichts der derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Lage. Identität, Werte, Politik, Macht, sogar schlichte Umgangsformen: alles wird in Frage gestellt. Der portugiesische Choreograph, diese Woche wird er 61 Jahre alt, ist wieder einmal zurück ins Rhein-Main-Gebiet gekommen, von dem aus er, 25 Jahre ist das her, mit der legendären S.O.A.P. Compagnie am Frankfurter Mousonturm internationale Erfolge feiern konnte. Darmstadt hat ihn beauftragt, etwas zum dortigen Spielzeitmotto „Wer ist wir?“ beizutragen – eine nach wie vor gute Frage in diesen Zeiten. Sie wird sogar täglich besser.

          Horta, der die gesamte Produktion außer der Musik gestaltet hat, hat sich der Frage in einem Prozess angenähert, der im Programmheft ausführlich beschrieben wird. Immerhin ist, anders als zu Beginn erwogen, kein Pferd auf der Bühne gelandet, sondern nur ein Streichquartett. Dazu Karin Klein vom Schauspielensemble des Staatstheaters als Mischung aus, sagen wir, Merkel, Clinton und von der Leyen, unter deren wohlwollenden Reden die totalitäre Gefahr hervorlugt: Bald werden Einschränkungen nötig sein, bald werden die Stühle nicht mehr so bequem sein, auf denen wir sitzen. Da plumpsen hinter ihr die Leute reihenweise von den absichtsvoll schräg gebauten Möbeln.

          Und so setzt ein Ensemble aus zahlreichen freischaffenden Tänzern, Schauspielern und Musikern, insgesamt ein rundes Dutzend Leute, unter ihnen Klaus Lehmann als Adlatus der Politikerin, Ichiro Sugae als erotomaner Tänzer und Nikos Konstantakis, begleitet von klassischen Streichern und einem DJ-Soundmix, die Diskrepanz ins Bild. Und jenen titelgebenden Song, der Horta gewissermaßen als Leitfaden durch das Fragengewirr dient: „Everybody Knows“ von Leonhard Cohen, geschrieben 1988. Da war noch nicht mal die Mauer gefallen. Doch hieß es da schon „Everybody knows that the boat is leaking“. Und jetzt? Tja.

          Mit kindlichem Ernst

          Horta hat einen riesigen Text zu diesem „Tja“ verfasst, eine Mischung aus Politikerrede, Floskeln und Literaturzitaten. Er schafft Bilder für die Angst vor Eindringlingen, die sadomasochistische Lust an der Ordnung und einen hohl gewordenen Glauben an die Kultur, die zwischen Schreck, Witz und bisweilen auch Kitsch changieren. Bis der Kinderchor des Theaters, in riesige Herren-Anzüge gewandet und mit Bärten bemalt, leise, ganz leise, und a cappella „Everybody Knows“ singt. Und am Ende Elen Gourio, das Kind unter den zwölf Darstellern, mit kindlichem Ernst und einer Maschinenpistole versichert, draußen stünden 7000 Elitesoldaten, um uns, das Theaterpublikum, niederzumetzeln.

          Es ist nicht der einzige Moment in 75 Minuten, an dem der Pinsel arg breit wird. Und gerade diese Volte zeigt, dass Hortas Bühnen-Essay wie die meisten Kunstwerke, die sich seit dem Erstarken der Populisten mit der Zukunft der westlichen Gesellschaften auseinandersetzen, eine quasi systembedingte Schwierigkeit hat. Durchaus selbstbefragend, spricht es aus der Haltung der „Guten“. Aber Wir, das ist eben auch ein anderer. Das Publikum ist diesmal ohne Soldaten aus dem Theater gekommen.

          Weitere Themen

          Aus der Schule direkt auf den Chefsessel

          Unterricht mal anders : Aus der Schule direkt auf den Chefsessel

          Frankfurts kleiner Nachbar Offenbach rühmt sich gern als Hessens Gründerhauptstadt. Um diesen Titel zu halten, werden dort nun schon Schüler mit der Idee vertraut gemacht, später ihr eigenes Unternehmen zu gründen.

          Topmeldungen

          SPD im Krisenmodus : Wenn der Bauch regiert

          Die SPD-Mitglieder wollen sich nicht länger von Seehofer vorführen lassen. Auch vielen Befürwortern der großen Koalition reicht es. Andrea Nahles hat die Wut unterschätzt.
          Echo Show in der neuen Version.

          Neue Produkte : Amazon macht die Welle

          Das war ein ziemliches Feuerwerk, was Amazon heute in Seattle präsentiert hat. Viele neue Produkte kommen auf der Markt. Darunter auch eines für die Küche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.