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Rudolf Olden Der Mann, der Hitler früh durchschaute

04.05.2010 ·  Er schrieb gegen Hitler, verteidigte Carl von Ossietzky und starb im Exil: In Frankfurt erinnert die Deutsche Nationalbibliothek an den Journalisten und Rechtsanwalt Rudolf Olden.

Von Florian Balke
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Sein Leben endet in einem torpedierten Passagierschiff auf dem Atlantik. Zwei Kriege zuvor beginnt es im wilhelminischen Deutschland, das sich in seinem Fall etwas bunter ausnimmt als in Heinrich Manns „Professor Unrat“.

Rudolf Olden, der am 14. Januar 1885 in Stettin zur Welt kommt, hat eine Schauspielerin zur Mutter und einen Mann zum Vater, der für die Bühne schreibt, auf der Bühne steht, sich aus dem Leben seiner Gefährtin aber bald verabschiedet. Zwar unterstützt er die Mutter und ihre drei Kinder, Rudolfs Bruder Balder aber kommt es später so vor, als habe er den Vater nur alle vier Jahre gesehen. Andererseits gibt es da noch Tante Hedwig, eine Fürstin Liechtenstein, von deren Mann, Fürst Rudolf, der Neffe den Vornamen hat. Nach dem Abitur beginnt Olden, Verwandter von Schauspielern und Adligen, im Jahr 1903 ein Jurastudium. Nach dem ersten Staatsexamen versucht er sich später für kurze Zeit in einem kaufmännischen Beruf, tritt dann aber doch lieber in den Justizvorbereitungsdienst ein.

Die Referendarszeit, mit Stationen in Frankfurt und Bad Homburg, verläuft gleichförmig, vom Krieg, der seine Generation verschlingen wird, ist noch nichts zu spüren. Nach Hause schreibt Olden, „des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr“ bestimme „das einschläfernde Gleichmaß des täglichen Lebens“. Während dieser Zeit versucht Olden sich als Schriftsteller. Ausgerechnet im Tagebuch Arthur Schnitzlers hat sich ein Hinweis darauf erhalten. „Novelle, Mscrpt. von Olden (Stephi schrieb es) gelesen“, heißt es dort am 17. November 1913.

„Ich fühle mich zum Journalisten nicht geeignet“

Aus dem Versuch, dem schriftstellernden Vater zu folgen, dessen Stücke der Sohn sich als Reclam-Hefte kaufen kann, wird lange nichts. Auch den Journalismus, aus dem er später eine Karriere macht, verwirft Olden noch: „Ich fühle mich zum Journalisten nicht geeignet und gedenke nicht, noch einmal Schiffbruch in einem Beruf zu erleiden, den ich gezwungenermaßen ergreife, der mir nicht liegt und in dem ich bestimmt nichts ersprießliches leisten werde.“

Dann beginnt der Krieg. Olden rückt als Freiwilliger zum Dragonerregiment 24 in Darmstadt ein und legt sein zweites Staatsexamen als Notprüfung ab. Er nimmt an der Besetzung Belgiens und am Frankreich-Feldzug teil und wird im Frühjahr 1915 an die Ostfront versetzt. Im Mai berichtet er Tante Hedwig von drei Wochen in Russland. Zeitweilig sei er wohl der „nördlichste deutsche Soldat“ gewesen, den es gab, „mit Freude und immer mit einem vergnügten Gesicht dabei“.

Bei Kriegsende ist alles anders. Olden befindet sich in Wien, ist das, was man in den ideologischen Kämpfen der Weimarer Republik einen Frontkämpfer nennen wird, besitzt den Rang eines Leutnants, ist Träger des Eisernen Kreuzes 1. Klasse und hat von all dem, was er gesehen hat, gründlich die Nase voll. Zum Glück, schreibt er seiner Mutter am 17. November 1918, befinde sich die Führung des Staates „in Händen besonnener, das beste des Ganzen wollender“ Personen. Nicht für ihn die Suche nach der reinen Weimarer Regierungslehre, die den von seinen Bürgern ungeliebten neuen Staat in den folgenden Jahren zur leichten Beute der Extremisten macht.

1920 aus dem Justizdienst entlassen

In diesen Tagen entscheidet Olden sich für eine Zukunft als Journalist und den Berufsweg, der nach der nationalsozialistischen Machtergreifung seine Flucht aus Deutschland erforderlich machen wird. Das Deutsche Exilarchiv, das ihm in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt eine reich ausgestattete, sehr sehenswerte Ausstellung widmet, erinnert mit ihm an einen der frühesten Warner vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten. Am 4. November 1923 beginnt Olden in der Wiener Zeitung „Der Tag“ eine Reihe mit dem Titel „Deutsche Köpfe“. Die erste Folge widmet er Adolf Hitler. Er schreibt: „Es ist Zeit, sich mit den Absichten seiner Partei ernsthaft zu beschäftigen, denn man sieht nicht mehr viel von Widerständen, die ihren Sieg aufhalten können.“ Vier Tage später putscht Hitler in München.

1926, da hat der Mann, vor dem er so klarsichtig gewarnt hat, seine Festungshaft in Landsberg schon wieder hinter sich, geht Rudolf Olden als politischer Redakteur zum liberal-demokratischen „Berliner Tageblatt“. Siegfried Jacobsohn, Gründer der „Weltbühne“, hat ihn empfohlen, in den nächsten Jahren wird Olden zu einem der wichtigsten Mitarbeiter des Blattes.

Journalismus, Politik und Jurisprudenz gehen für ihn nun Hand in Hand. Im Jahr 1920 war er aus dem Justizdienst entlassen worden, Ende 1929 beantragt und erhält er seine Wiederzulassung als Rechtsanwalt. 1932 gehört er zu den Verteidigern, die Carl von Ossietzky vor dem Reichsgericht vergeblich vor einer Verurteilung wegen Spionage und Landesverrat schützen wollen. Dann kommen der Tag der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Tag des Reichstagsbrandes.

Olden ist vor Gericht, als er erfährt, dass die Gestapo in einem anderen Justizgebäude auf ihn wartet. Er weiß, dass die Zeit für den Gang ins Exil gekommen ist, fährt zum Skilaufen an die Grenze zur Tschechoslowakei und schlägt sich von dort aus nach Prag durch. Seine Freundin Ika folgt ihm wenige Tage später. Die Flucht führt über Österreich, die Schweiz und Paris nach England, wo Ika und Rudolf Olden am 3. Dezember 1933 heiraten. Schon in Prag hat Olden die Broschüre „Hitler der Eroberer“ veröffentlicht, das erste Buch des Malik-Verlags im Exil. 1935 erscheint im Amsterdamer Exil-Verlag Querido seine Biographie Hitlers. Heinrich Mann schreibt ihm am 10. Januar 1936 aus Nizza, er hoffe auf ein baldiges Treffen in Paris: „Gerne hätte ich Ihnen gesagt, wie glänzend und noch mehr als das: wie voll von Wissen und Anschauung Ihr Buch ist.“

Schweren Herzens gen Amerika

In Oxford beginnt Olden 1935, Vorlesungen über deutsche Geschichte zu halten. Es ist das Jahr, in dem in der Heimat seine Schriften verboten werden, am 3. Dezember 1936 wird er ausgebürgert. In Oldens neuem Zuhause lässt die britische Regierung nach Kriegsbeginn alle im Land lebenden Deutschen nach ihrer politischen Zuverlässigkeit klassifizieren. Im Sommer 1940, der Krieg ist an die Kanalküste vorgerückt, wird auch Olden, an dessen Verlässlichkeit keinerlei Zweifel bestehen, interniert. Zwei Tage zuvor haben die Oldens ihre Anfang 1938 geborene Tochter Mary Elizabeth, die heute in Israel lebt, auf einem Kindertransport nach Kanada in Sicherheit gebracht.

Die Eltern beschließen, in die Vereinigten Staaten zu gehen. Dort hat Olden eine Stelle an der New School for Social Research in Aussicht. „Aber ich fahre schweren Herzens. Es waren gehetzte Wochen, die ich hinter mir habe, noch dazu meist in Krankheit verbracht. So habe ich, fürchte ich, nicht so viel tun können, wie ich hätte sollen.“ Trotzdem schiffen sich Ika und Rudolf Olden am 12. September 1940 auf der „City of Benares“ ein. Am 17. September wird sie torpediert und sinkt in einer halben Stunde. Unter den 253 Toten sind die Oldens.

Thomas Mann notiert im Tagebuch: „Nachricht, dass R. Olden und Frau bei der ruchlosen Torpedierung des Kinderschiffes umgekommen. Grauen.“ Und am nächsten Tag: „Goebbels lässt jetzt erklären, man habe das Schiff absichtlich versenkt, weil man gewusst habe, dass R. Olden darauf sei, was natürlich eine dumme Lüge ist.“ Eine Lüge, die zeigte, was für einen ernstzunehmenden Gegner das Regime in Olden sah.

Die Ausstellung „Rudolf Olden - Journalist gegen Hitler, Anwalt der Republik“ ist bis 28. Juli in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt, Adickesallee 1, zu sehen. Sie ist montags bis donnerstags von 10 bis 20, freitags von 10 bis 18 und samstags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1972, Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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