16.03.2010 · Variabler Guckkasten fast ohne Requisiten: Peter Lund inszeniert Strauss’ „Rosenkavalier“ in Darmstadt.
Von Ellen Kohlhaas, DarmstadtDem Regietheater gilt eine „Rosenkavalier“-Inszenierung in aktualitätsfreiem Rokoko-Ornat als Verrat an der Moderne. Dennoch haben der Regisseur Peter Lund und seine langjährige Ausstatterin Claudia Doderer am Staatstheater Darmstadt diese regressive Sicht auf eine nostalgische Komödie gewagt und mit überzeugender Delikatesse der gestischen Beziehungen sogar beglaubigt. Claudia Doderers variabler Guckkasten fast ohne Requisiten lässt in bewusster Kargheit die luxuriösen Kostüme des ancien régime und die sensibel inszenierten „Konfigurationen“, Hugo von Hofmannsthals Lieblingswort für die gegenseitigen Reaktionen der Bühnenfiguren, um so ungestörter aufleuchten.
Spiegelungen und Brechungen wie Ochsens Trugbilder in der Absteige des dritten Akts deuten das Als-Ob der Bühnen-„Veranstaltung“ an. Mit den stilisierten Ruinen am Schluss der Oper mag man den Ersten Weltkrieg und damit den Untergang der k. und k. Monarchie verbinden. Ochsens kleiner Ruin würde dann den großen Zusammenbruch vorwegnehmen. Aber derlei Beziehungen hielt die Regie vielsagend und leichthin in der Schwebe, wie zwischen Traum und Wirklichkeit.
Auch beim Scheitern die Würde behalten
Regisseur und Ausstatterin befolgten die Maxime der Marschallin: „Leicht muss man’s machen.“ Dem Darmstädter Staatsorchester unter seinem Generalmusikdirektor Constantin Trinks gelang dies vorerst weniger. Zwar trieb das Orchester der Musik im gehärteten Nachzeichnen von Rhythmen und Konturen alles „Öl und Butterschmalz“ (Richard Strauss über seine Komposition) aus. Zwar waren Intonation (bis in höchste Geigenlagen) und instrumentale Stimmenpanoramen, vor allem am „chaotischen“, in Wahrheit fast „Elektra“-artigen Beginn des dritten Akts, aufs klarste ausgehorcht. Doch der Preis war eine gewisse Starre, die der werkeigenen Grazie, schwingenden Anmut und Klangfarbenseligkeit das Atmen schwermachte. Eine zuweilen zu hoch gepegelte Lautstärke bedrängte vor allem Aki Hashimotos zarten, aber substanzvollen Sopran als Sophie, die von der Regie bei der Rosenübergabe auf einem Glaswürfel mit einem goldenen Amor darin wie ein Schaustück ausgestellt ist: Sinnbild eines fremdbestimmten Frauenlebens.
Solche Bedrängnisse widerfahren Albert Pesendorfers körperlich wie stimmlich riesenhaftem Ochs auf Lerchenau nicht. Peter Lund denunziert ihn nicht zum gewalttätigen Faun und verlotterten Mitgiftjäger, sondern gewährt ihm selbst beim Scheitern noch eine gewisse Würde. Zur Ikone der Würde wird Yamina Maamars Feldmarschallin allein schon in ihren feierlich-förmlichen Rokoko-Roben, die sie und ihr Sinnieren über Zeit und Vergänglichkeit wie in Kokons einschließen. Dazu passte ihr fülliger, leuchtkräftiger Sopran. Ihr agiles Gegenstück war Carine Séchayes Rosenkavalier Octavian mit wendigem, kernigem Mezzo. Dieses vorzügliche Quartett der Protagonisten fügte sich in ein stimmiges großes Ensemble.