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Veröffentlicht: 19.03.2017, 12:03 Uhr

Romantik Träum was Schönes

Nach diesem Bild gab es kein Zurück mehr: In Frankfurt zeigt das Goethehaus, warum mit Johann Heinrich Füsslis Gemälde „Der Nachtmahr“ eine neue Zeit beginnt.

von , Frankfurt
© Freies Deutsches Hochstift - Frankfurter Goethemuseum Besuch aus dem Unbewussten: Johann Heinrich Füssli, „Der Nachtmahr“, 1790/91

Es ist wie mit Tolkiens Zwergen. Sie haben in den Minen von Moria so tief nach Wahrsilber gegraben, dass sie schlafende Ungeheuer geweckt haben. In ähnlicher Weise führt der illusionslose Blick der Aufklärung auf Fähigkeiten und Schwächen des Menschen dazu, dass es mitten im lichten 18. Jahrhundert um das Dunkel des menschlichen Bewusstseins zu gehen hat. Die Romantik ist nicht nur eine Gegenbewegung zum Vorangegangenen, sondern auch eine Radikalisierung des bis dahin geübten Vertrauens auf Verstand, Vernunft und Nachdenken. Wer sich lange genug in den Anblick des Teiches versenkt, erkennt auf dem Grund des klaren Wassers schließlich auch den Schlamm. Und allerlei ekles Getier. Kein Bild steht so sehr für das Auftauchen des Irrationalen in der Kunst wie „Der Nachtmahr“ von Johann Heinrich Füssli, ein Gemälde, auf dem der 1741 geborene Schweizer Maler, der in den Jahren rund um die Französische Revolution in London erfolgreich war, eine seltsame und vieldeutige Interieurszene entwirft. Sie zeigt vielleicht einen Albtraum, ist aber vor allem mit den von Sigmund Freud erst mehr als hundert Jahre später beschriebenen Verfahren der Traumlogik zusammengestellt und soll im Betrachter dieselbe Beunruhigung auslösen wie der böse Traum, aus dem man nachts verzweifelt erwachen will und manchmal zum Glück emporschreckt.

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Eine Frau, die vielleicht nur schläft, vielleicht aber auch gerade vor Schreck ohnmächtig geworden ist, gibt sich möglicherweise ihrer eigenen sexuellen Erregung hin, wird vielleicht aber auch gleich vergewaltigt und trifft dabei auf einen Dämon, der sich auf ihrer Brust niedergelassen hat, während ein Pferd die Szene beobachtet, als wolle es das Zusammentreffen eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf dem ebenfalls erst mehr als hundert Jahre später aufgeklappten Seziertisch des Surrealismus bezeugen. Es gibt Bilder, die Altbekanntes abermals durchspielen, und es gibt Gemälde, die zuvor nie Gezeigtes zum ersten Mal in eine völlig neuartige Bildfindung packen. Schlafende Frauen, dem Blick der Betrachter auf und vor der Leinwand schutzlos ausgesetzt, hatte es vor Füssli viele gegeben. Aber niemand hatte einer Schlafenden auf die Brust gesetzt, was das auf Traumpfaden wandelnde menschliche Bewusstsein an abstoßenden, erschreckenden und völlig unbegreiflichen Inhalten alles so ausbrütet. Füsslis Monster weist den Weg. Ohne seine frühe Darstellung dessen, was körperlos durch das Unbewusste spukt, kein Dracula, kein Nosferatu und kein Freddy Krueger.

Erfolgreich als Radierung

Als der Maler die erste Fassung seines „Nachtmahrs“ 1782 in der Royal Academy in London zeigte, erregte das Werk daher großes Aufsehen. „Was er bot, war ungeheuer“, sagt Mareike Henning, Leiterin der Kunstsammlung des Frankfurter Goethehauses, zu dessen wichtigsten Besitztümern Füsslis Hauptwerk seit Jahrzehnten zählt. Das Bild changiere zwischen Boudoir und Höllenfahrt, fügt Hennig hinzu, sei weder Liebesszene noch Horror, sondern irritiere durch seinen Verbleib im unauflösbaren Dazwischen. Nicht übel für einen Maler, der sich daheim in der Schweiz zunächst zum protestantischen Pfarrer hatte ausbilden lassen, ehe er nach Großbritannien ging und zu malen begann. Trotz Füsslis Vorsprung auf die europäische Romantik, die erst Jahre nach dem Maler auf die Idee kommt, welcher Aufschluss über die Psyche sich aus dem literarischen und künstlerischen Nachdenken über ihre Ausnahmezustände ziehen lässt, ist die Frankfurter Ausstellung die erste zum Bild. Zusammengestellt worden ist sie von Hennigs langjähriger Vorgängerin Petra Maisak und dem Berliner Kunsthistoriker Werner Busch. Mit zahlreichen Leihgaben stellen die beiden Kuratoren den „Nachtmahr“ in den Kontext von Füsslis OEuvre und dieses in den Zusammenhang mit der Kunst seiner Zeit sowie mit des Malers Vorbildern und Nachfolgern.

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