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Rheingau Musik Festival : Zu Hause sagen die Leute „Wow!“

  • -Aktualisiert am

Bringt morgen ihre „Kubanische Suite“ zur Uraufführung: Jenny Pena Campo Field Bild: Marcus Kaufhold

Jenny Peña Campo Field hat für das Rheingau Musik Festival ein Auftragswerk geschrieben. Die junge Kubanerin nämlich nicht nur Geigerin, sondern auch Komponistin.

          Der Alltag auf Kuba stellt Orchestermusikern manchmal schier unlösbare Aufgaben. Jenny Peña Campo Field nennt ein Beispiel: Um finanziell über die Runden zu kommen, spielt die Geigerin, wie die meisten ihrer Kollegen, in mehreren Ensembles. Wenn deren Proben gleichzeitig stattfinden, muss sie sich entscheiden, welche sie besucht und in welcher sie fehlt. Folgen die Termine dicht aufeinander, verhindern die miserablen Verkehrsverbindungen einen schnellen Ortswechsel. Wenn sie sich dann ein Taxi ruft, muss sie die Kosten dafür begleichen – und deshalb wiederum mehr Engagements annehmen.

          Musiker auf Kuba zu sein, erklärt die 1983 in Havanna geborene Künstlerin, bedeute aber auch, dass die Leute „Wow!“ sagten, wenn sie erführen, welchen Beruf sie ausübt. Eigentlich sind es sogar zwei, denn Peña Campo Field ist nicht nur Geigerin, sondern auch Komponistin. Als solche hat sie vom Rheingau Musik Festival den Auftrag erhalten, ein neues Werk zu schreiben; für ein ganz überwiegend privat finanziertes Festival bedeutet das ein nicht eben alltägliches Projekt.

          Der kubanischste aller Tänze

          Die viersätzige „Kubanische Suite“, die erstmals im Konzert der Cuban-European Youth Academy morgen im Wiesbadener Kurhaus erklingen wird, dürfte sich freilich gar nicht besonders avantgardistisch entfalten. Zwischen Programmbeiträgen von Beethoven, dem 1962 gestorbenen Franzosen Jacques Ibert und der „Cuban Overture“ George Gershwins steht sie vielmehr in einem Kontext, der zugleich die Einflüsse auf die Komponistin nachzeichnet. „Denn die Musikerziehung in Kuba“, erinnert sie sich, „war immer komplett europäisch, Beethoven war genauso präsent wie Bach oder Mozart.“ Und die Moderne habe mit Schostakowitsch und Strawinsky geendet. Vielleicht auch mit Ibert.

          Unter diesem Gesichtspunkt ist es nur verständlich, dass Peña Campo Field die Musik ihres eigenen Landes, ihre Wurzeln und Einflüsse, ihre Metren und Rhythmen, in ihre eigenen Stücke aufnimmt, sie sozusagen für sich erkundet. Daran habe sich auch nichts geändert, seit sie, ein Privileg für Bürger ihres Landes, reisen kann. Im Sommer 2015 war sie schon einmal beim Rheingau Musik Festival, als Mitglied der von Thomas Hengelbrock geleiteten Cuban-European Youth Academy, seither hat sie aber auch zahlreiche andere europäische, asiatische und amerikanische Länder besucht. Trotzdem ist sie sich sicher, dass sie auch in Zukunft in Kuba leben wird, weil sie sich „gar nichts anderes vorstellen kann, als in Kuba zu leben“. Schließlich habe sie sich vor fünf Jahren auch nicht vorstellen können, „einmal in Europa zu sitzen und Interviews zu geben, als ob ich jemand Wichtiges wäre“. Oder die europäischen Säle und Theater, die man jetzt immer wieder einmal in Fernsehübertragungen auf Kuba sieht, wiederzuerkennen: „Dann bin ich erstaunt, dass ich da nicht nur schon gewesen, sondern sogar auch aufgetreten bin.“

          Dass Musik besonders auf Kuba und gerade auch für sie selbst ein innerer Fluchtpunkt ist, verheimlicht sie nicht. Schon der Geigenunterricht, den sie erstmals im Alter von fünf Jahren und damit zwei Jahre vor der normalen Einschulung erhielt, sollte sie, so der Gedanke der Mutter, vom frühen Tod des Vaters ablenken. „Seitdem konnte ich mir für mein Leben nichts anderes als Musik vorstellen. Wenn ich Musik mache, sind die Probleme für mich nicht mehr existent, dann bin ich glücklich, deshalb ist das für mich mein Weg zu leben.“

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          Ein Narkotikum also, das über die manchmal strenge Realität des Landes hinweghilft? Vielleicht mag das auch ein wenig für den Volkstanz Conga gelten, den sie den „kubanischsten aller Tänze“ nennt, weil er „vom Dorf kommt, von den einfachen Leuten, die, wenn sie ihn hören, auf die Straße gehen“. Ihn wird sie im letzten Satz ihrer „Kubanischen Suite“ zitieren, nachdem sie mit dem auch im Süden der Vereinigten Staaten verbreiteten Mambo, dem spanischen Bolero und afrikanischen Rhythmen in den drei vorherigen Sätzen die Einflüsse auf die kubanische Kultur musikalisch umschrieben hat: „Im Prinzip zeige ich damit die Einwanderungsgeschichte Kubas, außerdem habe ich jeden Satz auch als Hommage an einen großen Künstler des Landes geschrieben.“ Den ersten zum Beispiel in Erinnerung an den 1971 gestorbenen Pianisten und Sänger Bola de Nieve. Und den zweiten, wie sie sagt, als Würdigung eines Instruments, ihres eigenen, der Geige. Und damit, auch wenn sie das ganz uneitel von sich weist, ein wenig auch als Hommage an das, was sie selbst ist. An die Kubanerin, die aus den Herausforderungen und Spannungen in ihrem Leben so ziemlich das Beste macht, was sich denken lässt, nämlich Tanz, Musik, Kunst.

          „Kubanische Suite“ im Kurhaus

          Unter der Leitung des britischen Nachwuchsdirigenten Duncan Ward bringt die Cuban-European Youth Academy morgen um 20 Uhr im Kurhaus Wiesbaden Jenny Peña Campo Fields „Kubanische Suite“ zur Uraufführung. Außerdem erklingen in dem Konzert Beethovens drittes Klavierkonzert mit Sophie Pacini sowie weitere Orchesterwerke von Ibert und Gershwin.

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