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Rheingau Musik Festival Verdammnis und Auferstehung

 ·  Glanzvoller Auftakt des Rheingau Musik Festivals im Kloster Eberbach: Unter Leitung von Paavo Järvi eröffnet das hr-Sinfonieorchester mit Mahlers Zweiter.

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Den Gehalt einer Komposition zu vermitteln ist die entscheidende Aufgabe einer musikalischen Interpretation. Im Unterschied zur „Wiedergabe“, die zwar „richtige“ Noten bietet, aber doch bei der „tönend bewegten Form“ verharrt, erreicht sie Gefühl und Intellekt des Hörers und erzielt tiefste Wirkungen oder sogar innere Veränderungen, die oft unbewusst und unformulierbar bleiben.

Bei der Aufführung der zweiten Sinfonie von Gustav Mahler, der „Auferstehungssinfonie“, im ersten der beiden Eröffnungskonzerte des Rheingau Musik Festivals in der Basilika von Kloster Eberbach mit dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Paavo Järvi war das der Fall. Nach der dritten, vierten und neunten Sinfonie setzte der estnische Chefdirigent mit dem Frankfurter Orchester damit den 2007 beim Festival begonnenen Mahler-Zyklus auf allerhöchstem Niveau fort.

Zwischen Himmel und Hölle

Die erstaunlichsten und stärksten Effekte erzielten in der schwierigen, hallreichen Akustik der Basilika die je vier Trompeten und Hörner sowie Schlagzeuger, die nach Mahlers Anweisung im fünften Satz „in der Ferne“ oder gar „in weitester Ferne“ zu postieren sind. Deren Parts drangen – über die einfachen Echo-Wirkungen hinaus – durch die hinteren Türen so irisierend und wirkungsvoll in die Basilika, wie es in einem Konzertsaal kaum möglich ist. Die Bedeutung der tumultuösen Szenen, in denen die Musik teils auf 30 Systemen notiert ist, wurde bewusst: Das war die reinste Höllenfahrt, nach all den Leiden der Welt auch noch die panische Furcht vor der Verdammnis. Das Erlebnis der Erlösung und Auferstehung, auf das die Sinfonie zustrebt, wurde dadurch erst recht intensiviert. So erschien der triumphal-apotheotische Schluss samt Glocken „mit höchster Kraftentfaltung“ als tiefster, irdischer Wunschgedanke.

Das gewaltige Theatrum mundi entfaltete Järvi von Beginn an als Spiel zwischen Himmel und Hölle. Das bald leichte, bald mühsame Emporsteigen der Töne, das Durchmessen der Höhen und Tiefen, das Licht von Flöten und Violinen, das Dunkel von Posaunen und Bässen – all das bekam gleich im ersten Satz symbolhafte Verständlichkeit. War die Trennung von „gut“ und „böse“ anfangs noch ziemlich eindeutig, so verwischten sich, nach dem ersten mächtigen, jähen Absturz die Grenzen: die „himmlischen“ Harfen etwa klangen nun schwer und finster.

Sehr feierlich, aber schlicht

Was den Menschen noch in dieser Welt hält, sind demnach die kleinen und größeren Vergnügen, wie der zweite Satz zeigte. Selbst dem Einsamsten (dem einzelnen Auftakt-Ton), der mehrfach vergeblich zum Fortsetzen des Tanzes auffordert, gesellen sich noch Partner bei. Mit der großen Pizzikato-Episode wendete sich das allerdings schon ins Groteske. Die Katastropenmeldung, die zuvor so erbarmungslos ins heitere Treiben hereingeplatzt war, musste da schon mit Anstrengung verdrängt werden. Die Erkenntnis wuchs: Irdische Freude ist äußerst instabil.

Die riesige Dramaturgie hielt Järvi aufrecht, indem er sein größtes Augenmerk auf die Schnittstellen und Wendepunkte richtete. Die Steuerung der Agogik und die Crescendo-Schübe gelangen ebenso wie die Schärfung der Kontraste. Das Wort hielt im vierten Satz („Urlicht“) dann partiturgemäß und dank Lilli Paasikivi „sehr feierlich, aber schlicht“ Einzug in die Sinfonie. Passagenweise neigte die Mezzosopranistin später etwas zum Opernhaften, fügte sich aber so sauber wie ihre stilistisch noch treffender gestaltende Sopran-Kollegin Camilla Tilling, „nicht hervortretend“ dem Gesamtklang bei, wo gefordert. Die Chöre des Bayerischen und Norddeutschen Rundfunks durchmaßen vom „Misterioso“-Tonfall bis zum geballten Ausruf „Auferstehn“ auf engem Raum Ausdruckswelten. Ein denkbar verheißungsvoller Festivalbeginn – im doppelten Sinne.

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