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Raumskulptur für die Schirn : Sand im Kunstgetriebe

Lena Henke hat für die Rotunde der Frankfurter Schirn eine Raumskulptur geschaffen. Und damit die ganz große Metaphern-Truhe geöffnet.

          Es knirscht unter den Schuhsohlen. In der Schirn hat jemand Sand ins Kunstgetriebe gestreut. Er verteilt sich. Wie nach einem Strandurlaub in der Wohnung. „Ist das eine Baustelle?“, fragt ein verirrter Besucher, als er die aufgeschütteten Körnermassen in den Umgängen sieht, die sich auf zwei Etagen durch die Kuppel ziehen. An jeweils einer Stelle ist die Glasfront geöffnet, grobmaschige, wuchtige Gitter schützen das Publikum, wer möchte, kann Sand durch die Maschen nach unten werfen. Oder rieseln lassen. Kinder haben schnell begriffen, um was es in dieser Installation geht. Intuitiv und impulsiv schaufeln sie mit Händen und Füßen das Material nach draußen. Das hat Lena Henke so gewollt.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          „Schrei mich nicht an, Krieger!“ lautet der kryptisch bleibende Titel einer als „Raumskulptur“ bezeichneten Arbeit, die zur Performance wird, sobald sich Menschen auf den Sandweg begeben und dazu beitragen, dass die Menge des Sediments im Innenraum abnimmt, während sich zwei große Hohlobjekte, die unten stehen, allmählich damit füllen. Man kann die Rotunde im Inneren nicht mehr umschreiten, ein Metallgatter, ähnlich jenem vor den bodentiefen Fenstern, versperrt den Durchgang und bildet an einer Seite die Grenze zwischen Sandsphäre und Sandlosigkeit. Der Pfad in die Düne führt anders herum. Eine Irritation, die darauf verweist, dass die Dinge nicht immer rund laufen. Man kann sich allerdings auch nicht mehr im Kreise drehen.

          Was auf Sand gebaut ist, hat keinen Bestand

          Dabei bedarf es des Blicks von oben, um zu erkennen, dass die glänzend-kühlen Skulpturen keine abstrakten Gebilde sind, zumindest nicht ausschließlich, obwohl sie für die Menschen auf der Eingangsebene nichts anderes zu sein scheinen. Aber es handelt sich auch um zwei gewaltige Augen, die erst von gehobener Warte aus sichtbar werden. Damit freilich hat die Künstlerin, die zwischen 2004 und 2010 an der Frankfurter Städelschule studiert hat, die ganz große Metaphern-Truhe aufgemacht: Sand wird in die Augen gestreut. Aber wem gehören die Augen? Der Architektur? Der Kunst? Oder dem Betrachter als solchem? Streut die Kunst ihm Sand in die Augen? Lässt er sich von ihr täuschen?

          „Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“, schrieb Günter Eich in einer Zeit, als das Dichten noch geholfen hat, einen Kunstbegriff zu entwickeln. Die Kunst als Sand, der verhindert, das Klare und Offensichtliche für bare Münze zu nehmen, so aber zu Erkenntnissen jenseits des Gewöhnlichen führt: Das wäre eine Deutung, die so ungefähr dem Selbstverständnis kunstvermittelnder Institutionen von heute entspricht. Der Sand ist jedoch auch ein Symbol der Zeit, die verrinnt, des Verwehens, des Flüchtigen: Was auf Sand gebaut ist, hat keinen Bestand. So stellt sich eine Assoziation nach der anderen ein. Und auch die Idee, ein paar Liegestühle aufzustellen sowie Schäufelchen und Eimerchen vorzuhalten, um den Sand lustvoll in den Orkus zu expedieren. Erst beim zweiten Blick fällt auf, dass Lena Henke eine eigene Farbchoreographie für die Rotunde geschaffen hat. Das Farbkonzept beschränkt sich auf Gelb, Pink und Blau. Es lehnt sich an die Architektur zweier Mexikaner an, denen die Künstlerin jüngst auf einer Reise nach Mittelamerika begegnet ist. So reagiert sie mit unterschiedlichen Mitteln auf das Raumgefüge, das sie vorfand. Auf eine uneinheitliche städtische Situation passt keine klare ästhetische Form. Dann schon eher dieses Spiel, das Positionen der Avantgarde vom Surrealismus bis zur Konzeptkunst variiert.

          Bis 30. Juli in der Rotunde der Frankfurter Schirn.

          Quelle: F.A.Z.

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