14.09.2003 · Angst ist geil. Terror für alle. So steht es auf den Transparenten. Die "Church of Fear" ist in der Stadt. An der Hauptwache warten sieben Baumstämme mit überdachter Sitzgelegenheit auf Säulenheilige der Gegenwart.
Angst ist geil. Terror für alle. So steht es auf den Transparenten. Die "Church of Fear" ist in der Stadt. An der Hauptwache warten sieben Baumstämme mit überdachter Sitzgelegenheit auf Säulenheilige der Gegenwart. Die frühchristlichen Styliten sind das Vorbild. Arbeitslose waren aufgerufen, sich zu melden. Aber auch Hoffnungslose. Und überhaupt alle Losen. Ratlose. Obdachlose. Konfessionslose. Leute, die nichts zu verlieren haben. Nach Venedig und Kathmandu jetzt Frankfurt am Main: Der "dritte internationale Pfahlsitzwettbewerb" der "Kirche der Angst" kann mit blendendem Spätsommerwetter rechnen. Von heute an wird gesessen. Der Wettbewerb soll sechs Tage und fünf Nächte dauern. In den "Spielregeln" heißt es: "Sie müssen alle Tätigkeiten auf ihrem Pfahl verrichten." 24 Stunden lang. Immerhin ist innerhalb von drei Stunden jeweils eine Pause von 15 Minuten gestattet. Wer es am längsten aushält, bekommt, wie Kirchengründer Christof Schlingensief gestern mitteilte, nicht nur wie vorgesehen 2000, sondern dank eines Sponsors 3000 Euro. Man kann auch auf einen der sieben Pfahlsitzer wetten: "Win with your loser." Arbeitslose, heißt es, seien "Angebot ohne Nachfrage": "Deshalb: Zugreifen! Kaufen Sie Arbeitslose!"
Gestern und am Samstag fand im Bockenheimer Depot ein "Casting" statt. Im größeren Zusammenhang eines heiteren Beisammenseins, das Kirchentags-Atmosphäre simulierte. Oder persiflierte. Nicht immer zur reinen Lust des gelegentlich unironisch intervenierenden Publikums. Potentielle Pfahlsitzer wurden auf ihre Tauglichkeit überprüft. Vor igendetwas Angst zu haben, gehört zu den Bedingungen des Wettbewerbs. Besonders viele Freiwillige fanden sich offenbar nicht. Und der eine oder andere zeigte sich beim Smalltalk im düsteren, mit künstlichem und echtem Kerzenlickt beflackerten Innenraum der zur Kirche, zum Tempel umfuktionierten Spielstätte der Städtischen Bühnen nicht gerade in bester psychischer Verfassung. Das Casting, so wurde überraschenderweise am Sonntagnachmittag verkündet, werde an der Hauptwache fortgesetzt. Der "schreitende Leib" setzte sich wieder in Bewegung. Er war in tagelangem Marsch von Köln nach Frankfurt unterwegs gewesen. Eine Prozession. Mit einem ausgestopften Esel, der an den Einzug nach Jerusalem erinnert. Inmitten einer kleinen Schar von Anhängern Schlingensief mit stolaartigem Schal. Hohepriester, Guru, Moderator und doch nichts von alledem. Der Mann ist Regisseur. Nur beschränkt er seine Inszenierungen nicht auf eine Bühne, sondern holt ins volle kulturelle und gesellschaftliche Leben aus.
Auf kurz oder lang läßt sich die Faszination von Theaterleuten an den Ritualen und Symbolen der katholischen Kirche nicht unterdrücken. Schlingensief hat ihr nun freien Lauf gelassen. Auch wenn er sich bemüht, die "Church of Fear" als synkretistisches Gesamtkunstwerk mit stark buddhistisch-hinduistischem Einschlag zu päsentierten. Der Pilgerweg führt letztlich nach Bayreuth. Dort wird Schlingensief im kommenden Jahr Richard Wagners "Parsifal" inszenieren. Musik aus dem Spätwerk des Meisters war jetzt schon allenthalben im Depot zu hören. Und eine jener einst von Nietzsche despektierlich als "Bimbambaumeln" bezeichneten Stellen aus dem Bühnenweihfestspiel intonierten der Selbstdarsteller nebst "COF-Chor" im Depot mit grölender Leidenschaft.
Vom Erlösungsmärchen "Parsifal" wie vom christlichen Erlösungsglauben scheint die "Church of Fear", weit enfernt. Habt Angst, fürchtet euch, ruft sie den modernen Ungläubigen zu. Aber da war auch dieser kleine Junge, den Schlingensief irgendwo auf dem Prozessionsweg mit ebendiesen Worten ansprach, woraufhin das Kind erwiderte: "Nö." Dieses "Nö", so der Regisseur im Depot, müsse unbedingt beibehalten werden. So widersprüchlich die Aussagen der "Kirche" sind, die mittels Formularen um Adepten wirbt und alle auffordert, Filialen überall in der Welt zu gründen, so unabwägbar sind die inszenatorischen Wege des Herrn. Des Herrn Schlingensief. Undurchbaubar, wo die Inszenierung aufhört und wo die Wirklichkeit beginnt, was noch Spiel ist und was schon bitterer Ernst. Das "Casting" - eine Farce? Das Essen freilich, das im Bockenheimer Depot zubereitet wurde, war real. Der Zeremonienmeister höchstselbst legte Hand an beim Schnippeln von Gemüse. Das Volk war zum "Abendmahl" geladen. Zwischen Opferkerzen und Altar, Filmleinwand mit Eindrücken aus Nepal und Beichtstuhl. Alles drängte sich auf engem Raum. Der Großteil der Depotfläche war nämlich verstellt. Ein gewaltiger Aufbau mit einer Art Bischofssitz, zu dem zwei Treppen führten, verhinderte das freie Umherwandeln. Von oben grüßte gelegentlich Bruder Schlingensief.
An der Hauptwache ist schon ein Kirchlein aufgebaut mit einem Altar, auf dem unter anderem ein Hase an Aktionen von Joseph Beuys gemahnt. Auch eine Reliquienbox steht in der sakralen Hütte. Im Sägemehl drehen die Würmer ihre Runden. "Ich will heilig werden" lautet der Text auf einem der T-Shirts, die von der "COF" vertrieben werden. Schlingensief erneuert in großem Stil eine Kunstform aus den Sechzigern: das Happening. Und das hatte ja auch schon irgendwie, irgendwo, mit der Gesellschaft und ihrer Verfassung zu tun. MICHAEL HIERHOLZER