08.12.2008 · Der 35 Jahre alte Norweger Henning Kraggerud interpretierte das Violinkonzert d-Moll op. 47 von Jean Sibelius aus dem Jahre 1905 bei einem „Pro Arte“-Konzert in der Alten Oper Frankfurt. Der hierzulande noch immer als Geheimtipp gehandelte Künstler spielte ohne Netz und doppelten Boden.
Von Harald BudwegEin wenig erstaunlich scheint es schon, dass das Violinkonzert d-Moll op. 47 von Jean Sibelius ein unter Geigern derart hochgeschätztes Werk ist. Zwar gilt dieses ob seiner Ausdrucksvielfalt als gestalterisch „dankbares“ Musikstück, doch darf man die technischen Hürden dabei nicht unterschätzen, was mancher Solist schon zu spüren bekam – nicht zuletzt Viktor Novácek, der Interpret der Uraufführung, der zeitgenössischen Berichten zufolge ziemlich kläglich gescheitert sein muss.
Leider hat dieses Fiasko den Komponisten zu einer grundlegenden Umarbeitung und Versimplifizierung seines Violinkonzerts inspiriert, was in Programmheftbeiträgen gewöhnlich anerkennend als „Beseitigung unnötiger Kompliziertheiten“ gelobt wird. Man mag da durchaus geteilter Meinung sein und im Gegenteil die Urfassung für die ungleich gewichtigere und interessantere Version dieses Opus 47 halten. Nur vergleichen kann man sie nicht, weil die Sibelius-Erben Aufführungen der Erstfassung noch immer verhindern.
Gefühlvolles Salonstück
Der 35 Jahre alte Norweger Henning Kraggerud, der das Werk in der üblichen Zweitversion von 1905 bei einem „Pro Arte“-Konzert in der Alten Oper interpretierte, wirkte durchweg souverän. Der hierzulande noch immer als Geheimtipp gehandelte Künstler spielte sozusagen ohne Netz und doppelten Boden – impulsiv, doch stets kontrolliert, dabei konsonante Doppelgriff-Akkorde bis an die Grenze des Möglichen auskostend.
Sein Instrument, eine Guarneri von 1744, klingt ausgesprochen edel, doch belässt Kraggerud es nicht bei der musikalischen Unverbindlichkeit einer eleganten Wiedergabe. Sein Spiel ist vielmehr spannungsvoll, akzentuiert, nie monochrom. Kraggeruds Partner dieses Abends war die Oslo Filharmonien unter der Leitung ihres Chefdirigenten Jukka-Pekka Saraste, der das Werk in engem künstlerischen Dialog mit dem Solisten gestaltete. Kraggeruds Solospiel wurde zu Recht bejubelt, was zur Zugabe eines kleinen, gefühlvollen Salonstücks führte: „La mélancolie“ von Ole Bull.
Transparenz
Schon zu Beginn hatten Saraste und sein hervorragend miteinander harmonisierendes Ensemble besondere Qualitäten offenbart: Ihre Interpretation der Ouvertüre zur Oper „Die Mainacht“ von Nikolai Rimski-Korsakow zeichnete sich durch einen offenen, sehr homogenen Klang aus. Gleiches gilt für Sarastes wohlstrukturierte, dynamisch kontrastreiche, insgesamt vielleicht ein wenig zu routiniert dargebotene Aufführung der Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98 von Johannes Brahms, deren gehaltvoller Passacaglia-Schlusssatz allerdings bei derartiger Transparenz besonders gut zur Wirkung kam. Die Zugabe war wie üblich – nein, nicht Brahms’ Ungarischer Tanz Nr. 1, aber Sibelius’ „Valse triste“ op. 44.
Jukka-Pekka Saraste wird, wie berichtet, im Jahr 2010 Chefdirigent des WDR-Sinfonieorchesters Köln. Vielleicht birgt dies Chancen, ihn auch in Frankfurt öfter als bisher mit interessanten Konzertprogrammen zu erleben.