Home
http://www.faz.net/-gzk-sk2j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Pop Willkommen im Mainstream

 ·  Joy Denalane interpretierte bei ihrem Konzert im Mousonturm amerikanischen Soul, Rhythm und Beat nicht mehr mit deutschen Texten, sondern schmachtete auf englisch.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Dieses Mal wolle man sich auf jeden Fall bis ganz nach vorne durchdrängeln, erklärten zwei Herren vorab in der Schlange des Getränkestandes, da man beim letzten Frankfurter Auftritt von Joy Denalane im Unity kaum etwas mitbekommen habe. Da geschah das Dilemma: Aus dem großen Saal des Mousonturms ertönten bereits erste Gitarrenklänge, kollektive Begeisterungsschreie wurden laut, doch der Apfelwein war noch zwei Personen entfernt. Man entschied sich für den Alkohol und gegen die ersten zwei Strophen im Saal, doch was dann kam, hatten die Herren nicht bedacht: Der Saal war voll. So voll, daß man sich mit vollen Apfelweinbechern unmöglich in den vorderen Bereich quetschen konnte.

Die zwei Herren hatten also das Nachsehen. Womöglich handelte es sich bei einem der beiden um Joachim, der am nächsten Morgen um 7.43 Uhr im Internet-Forum seiner Enttäuschung Ausdruck verleihen sollte: „Es kam nix rüber. Wirkte alles einstudiert. Die Musiker waren alle an der kurzen Leine, damit sich Joy ins Licht setzen konnte. Durch die englischen Texte hat's total an Reiz verloren und hört sich nur noch ewig gleich an.“ Nicht alle waren seiner Meinung.

Angenehme Stimme zu angenehmer Musik

„Ein wunderbares Konzert heute in Frankfurt, soviel Soul, soviel Power, so eine wundervolle Stimme, Mary J. No. 2, nein, 1b!“ schrieb ein gewisser Marcoe in Anspielung auf die Amerikanerin Mary J. Blige, ein Vergleich, den die Berliner Sängerin nicht zum ersten Mal hört und der, trotz gegenteiliger Absicht, Joachims Problem anschaulich auf den Punkt bringt: Im Vergleich mit amerikanischen Soul-Diven ist Joy Denalane eine Eins b. Sicher, die Dame verfügt über Ausstrahlung, Stimme und ein fantastisches Aussehen. Sie hat die Chuzpe, all dies bis an die Grenze des Erträglichen auszuspielen, was bei Popstars als erfolgszuträgliche Eigenschaft gilt und bei schwarzen Hip-Hop-Musikern sogar integraler Bestandteil der Performance ist.

Nur: das, was Joy Denalane, Tochter einer deutschen Mutter und eines südafrikanischen Vaters, bislang so unverwechselbar machte, war die Tatsache, daß sie - ähnlich wie Xavier Naidoo - nordamerikanischen Soul, Rhythm and Blues mit deutschen Texten interpretierte. Eine Strategie, von der sich die Sängerin mit ihrem neuen, im August erscheinenden Album „Born and raised“ gelöst hat.

Jetzt wird also auf englisch der Liebste angeschmachtet oder beschimpft, wird die eigene Kindheit in Berlin, Kreuzberg, zur aufregenden Ghetto-Jugend verklärt und das harte Leben als Künstlerin und Mutter zur Besonderheit stilisiert. Willkommen im Mainstream: angenehme Stimme zu angenehmer Musik. Wenn da nicht diese selbstverliebten Allgemeinplatz-Ansagen wären, wie „Hier könnt ihr auf jeden Fall was dazulernen“, „Die Bühne ist mein Leben“ oder „Ich brauche kein Haus und kein Geld zum Glücklichsein“, man müßte die überaus passable Sängerin Joy Denalane für eine entzückende Frau halten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Geben und nehmen

Von Matthias Alexander

Wer immer nach der Landtagswahl im September Finanzminister wird, steht mit Blick auf den kommunalen Finanzausgleich vor einer undankbaren Aufgabe. Schon bis Ende 2015 muss ein neues Modell gefunden sein. Mehr