09.06.2004 · Abschiedstourneen scheinen derzeit das Nonplusultra zu sein. Im vorigen Jahr gingen die Rolling Stones auf ihre angeblich letzte große Konzertreise, erst vor wenigen Tagen winkte die wunderbar wandelbare Cher ihren Fans zur ewigen Bühnenabstinenz. Und nun folgte Phil Collins.
Von Michael KöhlerAbschiedstourneen scheinen derzeit das Nonplusultra zu sein. Im vorigen Jahr gingen die Rolling Stones auf ihre angeblich letzte große Konzertreise, erst vor wenigen Tagen winkte die wunderbar wandelbare Cher ihren Fans im Rhein-Main-Gebiet zur ewigen Bühnenabstinenz. Auch Phil Collins will sich offenbar aufs Altenteil zurückziehen. Der 53 Jahre alten britischen Poplegende der achtziger Jahre werden weltumspannende Konzertmarathons wohl allmählich zu anstrengend. Doch Collins, seit dreieinhalb Dekaden im Musikgeschäft tätig, davon knapp anderthalb Jahrzehnte die internationalen Charts dominierend, hat ein Herz für seine Frankfurter Fans und gastiert zum vielleicht letzten Mal in der ausverkauften Festhalle.
"First Final Farewell Tour" nennt der Engländer nicht ohne augenzwinkernde Ironie sein handverlesenes Greatest-Hits-Repertoire mit zahlreichen, durchweg solistischen Songklassikern. Doch nach einem Konfettiregen-Finale vor etwa 13000 Besuchern mochte niemand so recht daran glauben, daß Collins sich tatsächlich von der Bühne verabschieden will. Der ganz und gar nicht wie ein Popstar agierende Multimillionär, der längere Zeit wegen eines schweren Hörsturzes pausieren mußte, motiviert und versetzt sein Auditorium zwar weniger mit Charme und Charisma in Verzückung, dafür aber mit dem Ethos des hart ackernden wie wackeren Kämpen: Knapp zweieinhalb Stunden wirbelt der Sangesfürst über die schlichte und doch so effektive Designerbühne, erklimmt bei Up-Tempo-Songs wie "Sussudio", "Dance Into The Light", "I'm Missed Again" und "You Can't Hurry Love" nervös wie ein Rennpferd vor dem Start die zahlreichen Stufen des Catwalks, hüpft, springt und wippt herum oder tanzt gar lasziv Po an Po mit seinen attraktiven Chordamen.
Süßholz raspelnder Melancholiker
Doch es gibt auch noch eine andere Seite von Phil Collins: die des Phlegma pflegenden Lethargikers und Süßholz raspelnden Melancholikers. Vermeintlich immergrünes Liedgut wie "Another Day In Paradise" und "Against All Odds" sind bei aller wohlwollend gemeinten sozialkritischen Botschaft nur laue Poplüftchen. "One More Night" riecht unangenehm nach tristem Ehealltag, in den "Two Hearts" meint man, die Zeit stünde still vor lauter gähnend langweiliger Gemütlichkeit, und bei "Can't Stop Loving You" sticht den Beteuernden der Hafer vor lauter glutäugigem Johannistrieb.
Aber wenn Collins bei der zeitlupenhaften Interpretation des alten Mindbenders-Klassikers "A Groovy Kind Of Love" testweise wie ein Rentner beim Kurkonzert im Korbstuhl Platz nimmt, wirkt das irgendwie schalkhaft und putzig. Und wenn er sich kurz darauf in der Scheidungsballade "Separate Lives" von der wunderbaren wie gottbegnadeten Chordame Amy Keys genüßlich niedersingen läßt, hat er wieder alle Sympathien auf seiner Seite: Wer würde bei dieser weiblichen Stimmwucht nicht gern nachgeben wollen?
Hit auf Hit auf...
Collins zollt seinem in Feierlaune befindlichen Publikum fortwährend Tribut, indem er Hit auf Hit folgen läßt und gar im sechsstimmigen Chor sparsam instrumentiert Cindy Laupers "True Colours" brillant interpretiert. Doch diese Anerkennung manifestiert sich akustisch auch öfter als schwerfällige Rhythmusmaschinerie, noch zusätzlich gebremst durch allerlei perkussiven Schaum, Gemischtwaren-Bläsersektionen und pathetische Gitarrensoli, durch die feist die flache Attitüde der für Disney gemünzten Soundtrack-Produktionen der vergangenen Jahre dringt - doch soll man ihm das wirklich vorwerfen?
Die mitunter rührselige Retrospektive endet, wie sie begonnen hat: mit einem sich in seinem alten Beruf engagierenden Collins, der sich trommelnd die Seele aus dem Leib spielt.