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Poetry Slam Die sanfte Droge Applaus: Die Bühnenpoeten Dalibor und Paul Cowlan

03.11.2004 ·  Der eine dichtet auf deutsch, der andere auf englisch. Der eine kommt aus der Hip-Hop-Szene, der andere versteht sich als "Singer/Songwriter". Der eine setzt auf theatralisches Spiel, der andere auf ausdrucksstarke Mimik.

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Der eine dichtet auf deutsch, der andere auf englisch. Der eine kommt aus der Hip-Hop-Szene, der andere versteht sich als "Singer/Songwriter". Der eine setzt auf theatralisches Spiel, der andere auf ausdrucksstarke Mimik. "Man kann sich wohl keinen größeren Kontrast zwischen zwei Poetry-Slammern vorstellen als den zwischen Dalibor und Paul Cowlan", sagt Dirk Hülstrunk, einer der Veranstalter des Poetry-Slams in der Mainmetropole, über die Frankfurter Favoriten für den German International Poetry Slam, der jetzt in Stuttgart stattfand. Dalibor und Paul Cowlan sind die Publikumslieblinge des Frankfurter Slams und darum auserwählt, ihre Stadt bei der Kür des besten deutschsprachigen Bühnenpoeten zu repräsentieren.

Einen Tag vor der Abfahrt zur Meisterschaft sitzt Dalibor entspannt im Cafe "Nachtleben" an der Konstablerwache, nippt an einer Bitter Lemon und erzählt, wie er zum ersten Mal mit Slam Poetry in Berührung kam. 1998 besuchte er einen Freund in New York. Der nahm Dalibor in ein Cafe mit, in dem Teams zweier Universitäten mit selbstgeschriebenen Texten gegeneinander antraten. Ein literarischer Wettstreit nach festgelegten Regeln, der Applaus, der über die Qualität der Darbietung entscheidet - die Idee des Poetry Slam faszinierte den Frankfurter kroatischer Abstammung sofort. Bis es endlich soweit war und Dalibor selbst auf die Bühne stieg, vergingen jedoch noch einige Jahre. Im Januar 2003 nahm er zum ersten Mal am Frankfurter Slam im BCN-Cafe teil, den er auch gleich gewann. "Ich war früher Sportler", erzählt Dalibor. "Natürlich trete ich an, um zu gewinnen." Und der Applaus macht süchtig: "Ich bin quasi Applausjunkie. Je gefühlvoller der Applaus, desto intensiver die Injektion der Droge", bekennt der Slammer, der schon siebenmal den Frankfurter Slam gewonnen hat. Der Ruhm nach dem Sieg dauert nur ein paar Minuten. Es sei ein kurzer Moment, ein körperliches Gefühl, das schnell wieder verfliege. Spätestens dann, wenn der Dichter wieder in der Küche vor Geschirrbergen steht oder sich um seinen Lebensunterhalt kümmern muß. Doch die Erinnerung an den Applaus bleibt und treibt Dalibor immer wieder auf die Bühne.

Wenige Stunden vor der Abfahrt nach Stuttgart öffnet Paul F. Cowlan, gebürtiger Engländer, der nun schon seit 23 Jahren in Deutschland lebt, die Tür seiner Wohnung in Sachsenhausen. Die Stimme am Telefon klang jugendlich, doch der Mann mit den stechend blauen Augen und dem freundlichen Lächeln hat schon ergraute Haare. 54 Jahre ist er alt, wie er im Gespräch erzählt. Auch wenn die meisten Slammer unter 30 sind, ist das Alter auf der Bühne des gesprochenen Wortes kein Problem: "Ich bin froh", sagt Cowlan in einem Deutsch, das wie ein Dialekt des Englischen klingt. "Ich hatte niemals das Gefühl, die Leute denken: ,Ach ja, der Alte, wir müssen freundlich zu ihm sein.'" Im Gegenteil. Das Frankfurter Publikum liebt seinen trockenen englischen Humor und seine Performance, die den Eindruck erweckt, als befände sich Cowlan nicht auf einer Bühne, sondern im Zwiegespräch mit seinen Zuhörern. Wenn Cowlan nicht auf der Slambühne steht, zieht er durch Deutschland und das europäische Ausland und singt zur Gitarre seine selbstkomponierten Lieder. Sechs Alben hat er veröffentlicht und in den zahlreichen Auftritten vor deutschem Publikum gelernt, klar zu artikulieren. "Ich finde es toll, als Engländer Repräsentant von Frankfurt zu sein", sagt der Mann mit dem baumelnden Ring am linken Ohr.

"I love you for your mind. I swear it's nothing physical": Während Cowlan auf der Bühne im Stuttgarter Theaterhaus die Liebe feiert, die rein geistiger Natur ist, spricht sein Körper eine gänzlich andere Sprache. Seine lüsterne Mimik - er rollt mit den blauen Augen und umkreist mit der Zunge seine Lippen -, seine lustvollen Bewegungen - immer wieder umspielt er mit den Händen sein Gemächt - sowie sein Stöhnen verraten das wahre Sehnen seines Alter ego und offenbaren den Abgesang auf fleischliche Freuden als pure Satire. Das Publikum ist begeistert, und auch Cowlan scheint zufrieden zu sein. Mit hocherhobenen Fäusten genießt er den Applaus und tritt dann wieder in den Zuschauerraum. Die Jury aus zwölf Besuchern, die vor Beginn des Dichterwettstreits zufällig ausgewählt wurden, honoriert seine Darbietung mit einer hohen Wertung. Der Engländer besetzt vorläufig den zweiten Platz der Rangliste. Schließlich wird Cowlan jedoch von einigen anderen Slammern überholt und scheidet aus.

Dalibors Auftritt ist anders als die Darbietungen seiner Konkurrenten. Er setzt vor allem auf seine körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Mit pantomimischen Gesten erweckt er eine alltägliche Szene zum Leben: Aufgeregt wartet er auf seine Begleitung, gemeinsam besuchen die beiden einen Club, beim Tanzen kommen sie einander näher. Zwischen den Zeilen deutet sich der Beginn einer Liebesbeziehung an. Die Beatbox setzt der Performer gekonnt ein, um die musikalische Kulisse im Club hörbar zu machen. Selbst die imaginäre Partnerin wird wirklich, wenn Dalibor sie umwirbt und von ihrem Geruch schwärmt. Die Jury überzeugt diese Performance, und Dalibor führt die Punkteliste an. Doch auch er bleibt hinter den nachfolgenden Slammern zurück. "Ich bin trotzdem zufrieden", sagt der 28 Jahre alte Dichter hinterher. In diesem Moment kommt der Stuttgarter Tobias Borke, der Dalibor in der Vorrunde besiegt hat und nun ins Finale einziehen wird, um den Frankfurter zu sich nach Hause einzuladen. Der Slampoet aus der Stadt am Main nimmt die Einladung gerne an: "Ich hätte Lust auf eine Session. Borke freestylt, und ich mache Beatbox." ANNA-LISA DIETER

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