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Persönlich : Tolle Jahre

„Es waren tolle Jahre”: Georges Delnon Bild: F.A.Z. - Kretzer

Nach zehn Jahren in Deutschland zieht der Mainzer Intendant Georges Delnon ans Basler Theater und kehrt Deutschland doch nicht den Rücken.

          Noch ein paar Tage, dann beginnen in Rheinland-Pfalz die großen Ferien. Dann naht der Abschied von Mainz, wo Georges Delnon in den vergangenen sieben Jahren heimisch geworden ist. Mit der Familie wird der scheidende Intendant des Staatstheaters dann eine besondere Urlaubsreise unternehmen: Auf dem Fahrrad von Mainz nach Basel, an die neue Arbeitsstätte Delnons. Vielleicht eine Art Bonbon, denn für seine 14 und 12 Jahre alten Kinder, sagt der 48 Jahre alte Delnon, sei der Umzug wohl am einschneidendsten.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Durch den Sohn hat Delnon einen weiteren Anknüpfungspunkt in der Stadt gefunden: Dem Fußballclub Mainz 05 ist auch der Vater treu ergeben: „Wir waren bei jedem Heimspiel dabei“, lacht Delnon. Der Aufstieg des Clubs deckt sich gewissermaßen mit dem Aufschwung des Staatstheaters in den vergangenen Jahren, und so mag Delnons fußballerisches Resümee auch ein wenig für die eigene Zeit in Mainz stehen. „Es waren tolle Jahre.“

          Ein Gespür für Neues

          Toll, so begannen sie, denn 1999 übernahm der gebürtige Zürcher, der zuvor Intendant in Koblenz war, eine Baustelle: Gespielt wurde in der Phönixhalle, der Umbau des Großen Hauses war im Gange. Nach vielen Verzögerungen wurde am 14. September 2001 eröffnet, Händels Oratorium „Saul“ empfanden da viele als Gedenken an den 11. September. Für Delnon immer noch das eindrucksvollste Erlebnis seiner Amtszeit. Die lustvollsten Erlebnisse indes bescherten ihm die eigenen Operninszenierungen, selbst wenn er, wie nun bei der Schwetzinger Koproduktion von Joseph Martin Kraus' „Proserpina“, das eigene Scheitern freimütig zugibt.

          Wenn etwas schier unmöglich erscheint, mit technischen Neuerungen operiert oder eine musikalische Herausforderung darstellt, fühlt er sich am wohlsten: „Ein bißchen masochistisch“ sei er als Regisseur, der dann am meisten Spaß empfinde. Ein Gespür für Neues hat er nicht nur mit Opern wie „Zaubern“ (von Frederik Zeller, 2005) oder Mark Andres „...22,13...“ (2004) bewiesen: Das Mainzer „Ballettwunder“, das Delnon mit dem Engagement des Choreographen Martin Schläpfer erreichte, hat für überregionale Aufmerksamkeit gesorgt.

          Nun aber übernimmt Delnon das Basler Theater, nach zehn Jahren, die er insgesamt in Deutschland verbracht hat. Große Worte mochte der jungenhaft wirkende Delnon noch nie, deshalb fällt die Begründung des Neuanfangs auch bescheiden aus: Es habe da ein paar Angebote gegeben, „und ich dachte, das ist nun ein Zeichen, den Wanderstab wieder in die Hand zu nehmen“. Eine Herausforderung, denn das Basler Haus hat nicht nur mit einer geringen Auslastung zu kämpfen, sondern auch mit einem stark gekürzten Etat. Auch in Mainz hatte Delnon es da nicht eben leicht, von 2001 bis 2006 etwa hatte er 20 Stellen abbauen müssen, nun ist die umstrittene Orchesterreform in Kraft getreten.

          „Ich komme als Fremder zurück“

          Doch von der Politik sei er nie im Stich gelassen worden. Das dürfte an seiner Berufsauffassung liegen: Sein Job sei es, zu überzeugen, sagt Delnon, der das offenbar bei Politik, Wirtschaft und seinem Publikum erreicht hat. Die „innere Akzeptanz“ des Theaters, die in Mainz zustande gekommen sei, will er nun auch bei den Basler Bürgern aufbauen. Als Schweizer könnte er einen einfacheren Zugang haben als seine deutschen Vorgänger, zuletzt Michael Schindhelm. Doch Delnon merkt schon jetzt, daß zehn Jahre Deutschland ihn verändert haben: „Ich komme als Fremder zurück.“

          Das sieht er auch als Aufforderung, sich im Theater mit der Schweizer Kultur und Sprache auseinanderzusetzen - vor allem auch im Schauspiel: „Die Schweiz ist immer auf der Suche nach ihrer Identität.“ Er selbst allerdings will sich nun mehr als „Kulturpolitiker“ verstehen, auch um dem heruntergesparten Haus wieder mehr Spielraum zu verschaffen. Es sei ein „selbstverordneter Rückzug vom Kreativen“, so Delnon. In den vergangenen Jahren habe er sich vielleicht mit manchem Projekt übernommen.

          Nun will er die Kräfte bündeln. Aber so viel ist sicher: Auch in Deutschland wird man ihn weiter zu sehen bekommen. Von 2009 an ist Delnon künstlerischer Leiter des Schwetzinger Festivals und will sich auch dort vor allem für Zeitgenössisches einsetzen. Und drei Uraufführungen wird er in den nächsten fünf Jahren inszenieren - wo, will er allerdings noch nicht verraten.

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