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Performance Gehen, Spähen, Stehen

 ·  Das experimentelle Bewegungstheater entdeckt die Lust am Erzählen: Im Frankfurter Mousonturm ging jetzt das „Plateaux“-Festival mit zwei Performances zu Ende.

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Was geschah wirklich? Gott begann am sechsten Tag mit den Insekten, sie gestaltete er sehr kleinteilig, und es dauerte ziemlich lang, bis ihm alles gefiel. Danach kamen die anderen Tiere dran. Erst am Abend hatte er Zeit für den Menschen, da war er schon in Eile, weil er ja am siebten Tag frei nehmen wollte. Szenenwechsel. Ein Mann geht mit einem Fotoapparat umher und knipst, was ihm vor die Linse kommt. Eine Frau taucht auf, nahebei, aber er sieht sie nie direkt an. Sie macht eine abwehrende Bewegung, und irgendwann liegt er am Boden.

Wie entsteht überhaupt eine Geschichte? Das abschließende Wochenende des diesjährigen Plateaux-Festivals im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm, das sich „Neuen Positionen internationaler darstellender Kunst“ widmete, bot zwei extrem unterschiedliche Aufführungen.

Beide ließen sich jedoch auf interessante Weise verschränkt wahrnehmen und fügten sich gut ein in den vorsichtig definierten Rahmen des Festivals, das laut Kurator Jan-Philipp Possmann eine neue Tendenz hin zum Erzählen zeigte. Hin - oder wieder zurück - zum Narrativen auf dem postpostmodernen Theater? Das wirkt wie ein freundlicher Schritt in Richtung Zuschauer, durchaus tastend, aber wie in Anerkennung der Tatsache, daß eigentlich jeder Mensch gern gute Geschichten goutiert. Figuren, Handlungen, Konflikte. Dergleichen Muster zu suchen ist nicht altmodisch, sondern eine Art anthropologischer Konstante.

Humorvoll, intelligent, sinnlich

Dem Briten Bill Aitchison sieht man beim Erschaffen seiner Performance zu, nein: dabei, wie er sich einem Erschaffen aussetzt, denn er hat den Ablauf nicht vollständig in der eigenen Hand. Sein Kollege am Mischpult reicht dem schlaksigen Darsteller in schwarzer Alltagskleidung nacheinander zehn kleine Kassettenrekorder aufs Spielfeld, die bestimmte Geräusche abspulen und je eine Handlungsanweisung bedeuten. Ein Pingpongball fällt: die vertikale Position verändern, Stehen, Krümmen, Liegen, Aufstehen. Kettensäge: einen (echten!) Salat zubereiten.

Regenprasseln: Wetterbericht sprechen. Säuselnd harmonisches Dingdong: mit Pfarrerkragen um den Hals die Schöpfungsgeschichte erzählen. Ein Plastikblumenstrauß und ein lächelnd-verführerischer Blick spielen auch mit sowie Haarewaschen, ein Wörterbuch und Personenvorstellungen: Hallo, ich heiße Helen und bin Bankangestellte. Hallo, ich heiße Bill. Hallo, ich bin Noah. Hat ein Rekorder Pause, tönen Geräusche aus einem anderen, oder es tönen mehrere gleichzeitig, so daß die Reise der biblischen Arche mit Blumenstrauß, tropfendem Haar und vor projiziertem Wolkenbild erzählt wird.

Aitchison versammelt auf der kleinen Bühne inmitten der Zuschauer die Urstationen der Schöpfung: Licht und Dunkelheit, Ton und Stille, Wolken und Himmel, Wasser, Pflanzen, Mensch, Sprache, Werden und Vergehen. Salat, Weinflasche und Blumenstrauß, Kosmetik und Fernsehwetter lassen auch auf ein Abendessen schließen, eine erwartete Eva, eine Liebe, eine neue Schöpfung. Falls es klappt. Aitchisons sperrig betiteltes „24/7/52“ ist humorvolles, intelligentes und sinnliches Theater.

Verschränkung der Bilder

Während der Brite hier Tage, Jahrmillionen, Stunden und Sekunden nacheinander, übereinander und gleichzeitig ablaufen läßt und ein Fortgang der Tätigkeiten und Geschichten unvermeidlich ist, spielte das andere Stück, „Still life with man and woman“, mit der Fragwürdigkeit eines irgendwie logischen Ablaufs. Die Kroatin Andrea Bozic läßt Mann und Frau auf der Bühne agieren, ohne Sprache - aber was heißt „Aktion“? Ein Bewegungsrepertoire aus zögerndem Gehen, Spähen, Stehen, Zur-Seite-Schauen, Liegen, pantomimischem Fotoknipsen und Schießen, Umarmen, Stolpern, Hand-Vorstrecken wird wiederholt, abgespult in unterschiedlicher Reihenfolge.

Dennoch und trotz der ausdruckslosen Gesichter wirkt es nicht maschinenhaft. Aber auch nicht lebendig. Sondern schemenhaft und fragil wie Erinnerungsbilder, fast durchscheinend, wie die - vielleicht - identischen Figuren Mann und Frau in dem gleichzeitig projizierten Film. Eine großartige Verschränkung der Bilder gelingt da der Videokünstlerin Julia Willms: Die Figuren auf der weißen Bühnenfläche vor einer weißen Mauerecke werden abgefilmt, erscheinen „realtime“ im Film und werden dort plötzlich ergänzt von Figuren oder Türen und Fenstern, die nicht real auf der Bühne stehen.

Was ist wirklich da? Der Blick schweift, und die Vorstellungskraft ergänzt Bilder und Geschehen, ein feines Gespinst möglicher Beziehungen, Taten, Geschichten entsteht. Abseits der dummen Videokonfektion auf vielen Theaterbühnen glänzt das feinsinnige, ruhige und konzentrierte „Still life“ von Andrea Bozic. „Stilleben“ oder „Nature morte“. Ein Blick kann töten und kann zum Leben erwecken.

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Von Matthias Alexander

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