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Orchestermusiker Ein Blick durchs Notenschlüsselloch

01.01.2009 ·  Manchmal streiken Orchestermusiker. Das steht dann in der Zeitung. Aber was sie sonst noch tun und wie sie dafür bezahlt werden, das wissen die wenigsten.

Von Wolfgang Sandner
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Immer und immer wieder, vierzig Jahre lang, ist der Fagottist Milan Turkovi, ein Star auf seinem Instrument, mit der gleichen, gefährlich naiven Frage seiner Konzertbesucher konfrontiert worden. Schließlich war er es leid. Das Mitglied des Concentus Musicus von Nikolaus Harnoncourt, der Kammermusikgesellschaft vom Lincoln Center in New York und des Ensembles Wien-Berlin, Professor am Mozarteum in Salzburg und der Wiener Musikhochschule veröffentlichte ein Buch, um damit ein für alle Mal erschöpfende Antwort auf das zu geben, was die Öffentlichkeit über die Jahre offenbar am meisten interessiert hat: „Was Musiker tagsüber tun“, lautet der lakonisch-hintersinnige Titel seiner Abhandlung.

Man hätte sich das Buch auf dem festlichen Gabentisch so mancher Kulturpolitiker hierzulande gewünscht. Denn schon im Titel ließ der kluge Autor das gängige Vorurteil unterschwellig mitklingen, Musiker, Orchestermusiker zumal, säßen abends zwei bis drei Stunden im Konzert und würden tagsüber spazieren gehen; wobei sie für das Konzert, also ein Vergnügen, für das andere zahlen müssen, auch noch gutes Geld verdienen.

Unverstandener Beruf

Übertrieben? Im jüngsten, mittlerweile beigelegten Streik der Orchestermusiker, bei dem auch eine Verdi-Premiere an den Städtischen Bühnen in Frankfurt in Mitleidenschaft gezogen wurde – allerdings mit spektakulär sportlicher Rettungstat durch grandiose, den Flügel quasi orchestral einsetzende Korrepetitoren –, hat man auch dieses Vorurteil durchschimmern hören. Es klang schon im unseligen Wort von der „weltfremden Verwöhnlandschaft“ für die Orchester in Deutschland an, das die damalige Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Christina Weiss, vor fünf Jahren in die Welt gesetzt hatte, als es massiv um Auflösungen, Fusionen, Verkleinerungen und Etatkürzungen bei Orchestern ging.

Vermutlich hat Milan Turkovi auch darin recht, dass „wir einen der unverstandensten und unverständlichsten Berufe der Welt haben“. Und um die Aussage durch einen prominenten Kronzeugen zu erhärten, zitiert er den Spötter Johann Nestroy: „Kunst ist, wenn man’s nicht kann, denn wenn man’s kann, ist’s keine Kunst.“

Vermeintliche Privilegien

Was also müssen Musiker können, damit Kunst entsteht? Was ist ihr Lohn, und was ist davon dem Publikum wirklich bewusst? Der Streik, der die Öffentlichkeit in vorweihnachtlicher Festtagsstimmung aufschreckte, mag auf wenig allgemeines Verständnis gestoßen sein. Denn Tarifauseinandersetzungen, die um drohende Abkoppelung von der Entlohnung im öffentlichen Dienst gehen, möglicherweise um mehr oder weniger Orchesterdienste, um Abbau von vermeintlichen oder tatsächlichen Privilegien, sind so attraktiv wie Leitzordner im Lastenausgleichsamt.

Der Streik hat aber immerhin ein wenig die Aufmerksamkeit auf den Musikerberuf gelenkt, der das Publikum seit jeher in Parteien für Hoch- oder Missachtung spaltet. Realistische Betrachtung scheint darin jedenfalls nicht vorgesehen zu sein.

Heterogenes Kollektiv

Man sollte aber schon etwas genauer hinschauen, um zu ermessen, was es heißt, jahrzehntelang in einem heterogenen Kollektiv von Frauen und Männern einer Tätigkeit nachzugehen, bei der – auch das hat Turkovi anschaulich beschrieben – von jedem Einzelnen „totale Unterordnung bei gleichzeitig hundertprozentigem seelischem und körperlichem Einsatz“ und höchste Kunstleistung erwartet wird.

Jean-Marc Vogt, Tutti-Bratscher im Opernhaus- und Museumsorchester der Stadt Frankfurt, kennt die Diskrepanz zwischen populärer Vorstellung vom luxuriösen Musikerdasein und der Realität eines anspruchsvollen Berufs nicht erst seit gestern. 1991 wurde er, im Alter von achtundzwanzig Jahren, Mitglied des Orchesters. Mittlerweile wird er in der sechsten und damit höchsten Gehaltsstufe geführt, die auf seiner Position möglich ist und die man normalerweise nach zwölf Jahren Dienst im Ensemble erreicht.

„Kopfstärkeschema“ im Tarif

Nach allen Abzügen in der Steuerklasse 4 verbleiben ihm damit monatlich etwa 2300 Euro. Nicht gerade ein üppiger Lohn für einen Musiker eines renommierten Orchesters, das sicherlich zu den versiertesten im Lande gehört, auf eine illustre Galerie hochrangiger Chefdirigenten wie Georg Solti, Christoph von Dohnányi, Michael Gielen, Gary Bertini oder Paolo Carignani verweisen kann und aufgrund seiner Anzahl von Planstellen – man spricht im Tarifvertrag für Musiker in Kulturorchestern vom „Kopfstärkeschema“ – zur höchsten Vergütungsgruppe A gehört.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat Jean-Marc Vogt – und das ist keine Ausnahme, sondern eher die Regel – im Alter von fünf Jahren mit dem Geigespiel begonnen, hat bei angesehenen Lehrern wie Ulrich Koch in Freiburg und der Bratscherin Tomoko Shirao sowie mit einem keineswegs opulenten Stipendium durch Fürsprache des Lasalle-Quartetts in Cincinnati studiert, im Grunde also bis zur Aufnahme in das Frankfurter Orchester dreiundzwanzig Jahre lang täglich mehrere Stunden an der Vervollkommnung seiner geigerischen Fähigkeiten gearbeitet.

64 Dienste in acht Wochen

Für lukrative Nebentätigkeiten, auch so eine populistische Vorstellung, die die Phantasie der Öffentlichkeit beflügelt, bleibt ihm heutzutage nicht nur keine Zeit, sondern auch keine Energie. Da geht es ihm wie vielen seiner Kollegen, die mit den Orchesterdiensten mittlerweile an der Höchstgrenze der Belastbarkeit angelangt sind. 64 „Dienste“ in acht Wochen hat ein Musiker in einem durchschnittlichen deutschen A-Orchester laut Tarifvertrag zu übernehmen.

Als „Dienst“ gelten sowohl die zweieinhalb- bis dreistündigen täglichen Proben als auch Aufführungen bis zu drei Stunden und fünfzehn Minuten. Das heißt, jeder Orchestermusiker muss in der Woche etwa 24 Stunden Dienst absolvieren. Da hat er aber noch keine einzige Minute selbst geübt oder neue Stücke erprobt. Rechnet man nur drei Stunden täglich dafür, kommt jeder Musiker auf eine 45-Stunden-Woche – Aushilfen, „Mucken“ oder sonstige kammermusikalische Betätigung, die man auch als Übungsstunden für das Orchesterspiel ansehen kann, nicht mitgerechnet.

Etüden nach dem Frühstück

Verwöhnkultur? Jean-Marc Vogt beginnt sein Tagewerk um sieben Uhr morgens nach dem Frühstück eine halbe Stunde lang mit Carl Fleschs Etüden, denen sich später noch etwa eine Stunde weiterer Übungen sowie die Proben im Opernhaus anschließen. An den Nachmittagen wird normalerweise ein- bis eineinhalb Stunden am Repertoire des Abends gearbeitet und gefeilt, vor allem, wenn es sich um ungewohnte oder neue Werke handelt. Ein Tag in der Woche ist frei, aber den benötigt der Körper auch.

Denn nicht nur die Belastungen durch ungewöhnliche Armhaltungen sind groß – man versuche einmal zehn Minuten lang den Griff einer linken Geigerhand zu simulieren, um zu ermessen, was das bedeutet. Auch der Lautstärkepegel im Orchestergraben geht vielfach über die Schmerzgrenze hinaus. 146 Dezibel bei einer Oper wie „Elektra“ von Richard Strauss sind dem Lärm am Frankfurter Flughafen durchaus vergleichbar und übersteigen für gewöhnlich die in vielen Ländern gesetzlich festgelegte Höchstgrenze für Industrieunternehmen erheblich. Neunzig Dezibel werden Fabrikarbeitern gerade noch zugemutet. Im Operngraben kommen sie regelmäßig vor.

Streit mit der Europäischen Union

Die ökonomische Situation von Jean-Marc Vogt gilt im Übrigen für etwa achtzig Prozent des Frankfurter Orchesterpersonals, nämlich die Tuttisten oder die vergleichbaren Positionen bei den Bläsern. Nur die Stimmführer und Solisten sind bessergestellt. Matthias Höfer hat im städtischen Opernorchester im Jahr 2000, mit 33 Jahren, die Stelle eines Bassklarinettisten mit Verpflichtung zur Klarinette erhalten. Viel länger hätte er auf die selten ausgeschriebene Stelle nicht warten können. Denn was in den Diskussionen um Orchesterauflösungen oder Fusionen, von denen die Ensembles seit der politischen Wende immer mehr betroffen sind, geflissentlich übersehen wird, ist die Altersgrenze von achtunddreißig Jahren für die Aufnahme in ein größeres Ensemble.

Auch wenn die Europäische Union die Begrenzung mittlerweile anficht, ist die Situation doch immer noch so, dass ältere Musiker, und das bedeutet von Mitte dreißig an, keine Chance bei der Bewerbung um öffentlich ausgeschriebene Orchesterplanstellen haben. Wer es etwa bis zum dreißigsten Lebensjahr nicht auf eine entsprechende Stelle im Orchester schafft, hat möglicherweise fünfundzwanzig Jahre seines Lebens umsonst dafür geübt.

Geduld und Aushilfsstellen

So musste Matthias Höfer, Schüler von Harry Sparnaay in Amsterdam und von Hans Deinzer in Hannover, bei dem auch Sabine Meyer und Martin Fröst studierten, viel Geduld haben und einige Jahre Aushilfsstellen, teilweise in den am schlechtesten bezahlten D-Orchestern wie dem Orchester des Theaters für Niedersachsen in Hildesheim, in Darmstadt, Hagen und Köln annehmen, bis er in Frankfurt endlich Fuß fassen konnte. 2800 Euro netto verdient er hier nach Abzügen in der Steuerklasse 3. Daneben hat er einen Lehrauftrag an der Musikhochschule in Mainz: Fünf Semesterwochenstunden, die lediglich mit ein paar Euro vergütet werden.

Zu den langjährigen verdienstvollen Stützen des Orchesters gehört der vierte Hornist und Spezialist für Wagner-Tuba Detlef Holzhauser, Jahrgang 1948, ausgebildet an der Musikhochschule Saarbrücken und seit 1974 Mitglied des Frankfurter Orchesters. Mit seinem Anfangsgehalt von 1700 Mark brutto hätte er damals als Sechsundzwanzigjähriger wohl kaum eine Familie ernähren können. Heute hat auch er lange schon die Endstufe der Gehaltsentwicklung erreicht: 2350 Euro netto.

Körperlicher Verschleiß

Elf Jahre war er im Übrigen aufgrund seines Instruments und seines Könnens ständiger Gast bei den Berliner Philharmonikern und dreizehn Jahre Mitglied des Orchesters in Bayreuth, was nicht üppig bezahlt wird, aber praktisch bedeutet, in neun Wochen Proben und anschließenden Festspielen vollständig auf den jährlichen Urlaub verzichten zu müssen. Nun könnte man meinen, ein Routinier wie Detlef Holzhauser, der wegen der unnatürlichen Spielhaltung, die das Instrument fordert, zwei Halswirbeloperationen hinter sich hat, könne sich auf seine Erfahrung verlassen und müsse nicht mehr üben.

Das ist durchaus nicht so. Denn was die jüngeren Kollegen sich durch ständiges Üben erst zu erarbeiten haben, das müssen die älteren Musiker mit nachlassender Fingerfertigkeit und zur Erhaltung des Ansatzes durch permanentes Training mühsam erhalten.

Enorme Kosten für das Instrument

Wer die Lebensläufe durchschnittlicher Orchestermusiker, und Frankfurts Oper gehört zu den besseren Häusern, ein wenig genauer unter die Lupe nimmt, wird sehr schnell feststellen, dass die lange, intensive Ausbildung und die Arbeitsbedingungen nicht immer im angemessenen Verhältnis zum Lohn stehen. Mag sein, dass die Bezahlung früher jener von Studienräten entsprach. Mittlerweile können sie nur noch mit den Gehältern an Grundschulen verglichen werden.

Und dabei sind noch nicht die vielfach enormen Instrumentalkosten und Beträge für die Instandhaltung berücksichtigt, die die Musiker meist selbst aufbringen müssen. Für eine durchschnittliche Geige muss man schon 20 000 Euro ausgeben, wirklich gute, sagen wir: altitalienische Geigen kosten das Zehn- bis Zwanzigfache. Zurechtrücken muss man freilich auch die Annahme, wer es ins Orchester schafft, hat eine Stelle fürs Leben gefunden.

Mehr als 2000 Planstellen gestrichen

Seit 1992 sind in Deutschland, West wie Ost, 35 Kulturorchester aufgelöst oder miteinander fusioniert worden, wobei 2122 Planstellen wegrationalisiert wurden, was einem Anteil von siebzehn Prozent entspricht. Die Orchester aber, die davon nicht betroffen sind, werden heute mehr denn je gefordert, denn im Perfektionsanspruch des technischen Zeitalters, durch Reproduktionsmöglichkeiten und einen alles beherrschenden Konkurrenzdruck, müssen die Musiker in allerkürzesten Zeitabständen und mit überaus ökonomisch disponierten Probenzeiten ein im Vergleich zu früher riesiges Pensum an schwierigstem Notenmaterial bewältigen.

Auch vor diesem Hintergrund erscheint das Wort von der Verwöhnkultur, das manche Politiker leichtfertig in den Mund nehmen, als purer Populismus. Wer so etwas sagt, steht damit auf dem Niveau eines Beobachters von Sitzungen des Deutschen Bundestages, der auf die häufig gähnend leeren Stuhlreihen blickt und sich die Frage stellt, was Politiker tagsüber tun.

Manchmal streiken Orchestermusiker. Das steht dann in der Zeitung. Aber was sie sonst noch tun und wie sie dafür bezahlt werden, das wissen die wenigsten.

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Jahrgang 1942, freier Autor im Feuilleton.

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