15.05.2011 · Ohne Versöhnung: Die Oper Frankfurt zeigt Salvatore Sciarrinos „Luci mie traditrici“ im Bockenheimer Depot.
Von Benedikt StegemannIn herausragenden Opern konstituiert die Musik eine eigene Bedeutungs- oder Handlungsschicht jenseits des sichtbaren Bühnengeschehens. Bei „Luci mie traditrici“ von Salvatore Sciarrino, im Jahr 1998 bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt und seitdem erfreulich oft auf Spielplänen präsent, lässt sich freilich selten genau sagen, auf welcher Ebene das gerade Sichtbare siedelt, und so oszilliert die komplementäre Musik sehr plastisch und zugleich paradox unverortbar zwischen verschiedenen Bewusstseinszuständen. Das findet seine Begründung im vertonten Sujet: Es geht um die Untreue einer Frau, einen im Kern seelischen Vorgang, der gleichwohl des evidenten Beweises bedarf, um begriffen und gesühnt werden zu können.
Regisseur Christian Pade hat das Sujet mit seinem Bühnenbildner Alexander Lintl in einer Kooperation des Cantiere Internazionale d'Arte di Montepulciano und der Oper Frankfurt neu inszeniert und nunmehr auch im Bockenheimer Depot auf die Bretter gehoben. Vorherrschendes Element auf der Bühne sind drei hölzerne Drehtürme; mit im Dunkel verschwimmender Höhe, durch ihre an Kellerverschläge gemahnende Konstruktion zugleich auf Todesgrüfte vorausweisend. In den Zwischenräumen und im Inneren der Konstruktionen agieren die vier Sängerdarsteller mit rigide reduzierter Bewegung und erreichen damit ein Doppeltes: Die Stilisierung enthebt das Sichtbare in eine transzendente Welt reiner Symbolik, um sodann durch die Bedeutungsschwere jedes Details das Bewusstsein mit der Empfindung unabweisbarer Wahrhaftigkeit zu bedrängen. Im Ringen konkurrierender Wahrnehmungsmuster wird der Diener (Simon Bode) zum Bauernopfer. Er hat das Treiben der Hausherrin mit dem Gast (Roland Schneider) beobachtet und die hierdurch gegebene Evidenz lässt den Hausherrn erstmals zum Messer greifen: Die Beseitigung des Zeugen ermöglicht eine provisorische Rückverweisung des Geschehenen in eine Möglichkeitssphäre. Nina Tarandek als sinnlich schöne, zugleich aristokratisch beherrschte La Malaspina macht es ihrem Mann leicht, ihren erneuerten Liebesschwüren Glauben zu schenken. Als dieser, genannt Il Malaspina (Christian Miedl), hernach eine Erneuerung der Untreue konstatiert, greift er wieder zur Waffe, tötet den Rivalen und schließlich die eigene Frau. In Frankfurt bleibt offen, ob die Perpetuierung des Verrats mehr ist als die Projektion eines eifersüchtig Halluzinierenden: Es fließt kein Blut, und die abgezirkelten Bewegungen des Bühnenpersonals entrücken das Geschehen ins Surreale. Hierzu trägt auch die phantastische vokale Beherrschung der vier zwischen Gesang und Deklamation biegsam agierenden Sängerdarsteller erheblich bei.
Große suggestive Kraft
Pades Ansatz spiegelt die innere Struktur eines Eifersuchtsdramas perfekt. Solange der Betrogene das heimliche Liebespaar nicht selbst in flagranti erwischt, muss er sich das Geschehene aus Indizien rekonstruieren. Den Kampf der Andeutungen trägt das Ehepaar mit Fächern aus, deren in Jahrhunderten entwickelte Symbolsprache die Regie wiederholt in naturalistische Bilder überführt. Hier trifft sich die Optik mit der Tonsprache Sciarrinos, der jahrhundertealte Formen virtuos mit modernen Klangerzeugungstechniken zu verbinden weiß: Die feierlich ritualisierte musikalische Formel kippt bruchlos in eine Innensicht, in heftig atmende Empfindung, schwerfällig durch die Eingeweide stampfende Erregung, pochend durch die Blutbahnen jagende Mordlust.
Unter der musikalisch wie technisch verbindlichen Leitung von Erik Nielsen entfaltet das im Spiel der Stile souveräne Frankfurter Opern- und Museumsorchester große suggestive Kraft. Ins Sichtbare dringt davon bis kurz vor dem Ende wenig: Das anfängliche Büßergewand des Gatten verbietet freilich als unmissverständlicher Vorgriff auf die spätere Tat zugleich, sich im Lauf des Abends auch nur für einen Moment dem Schein möglicher Versöhnung hinzugeben.