Nach seinem Studienabschluss schrieb Benjamin Britten die Musik zu 26 Dokumentarfilmen – künstlerisch für ihn unbefriedigende, aber für sein Bühnenwerk lebenslang wichtige Auftragsarbeiten. In mehreren seiner insgesamt 17 Opern ist die musikalische Umsetzung der Kameratechnik spürbar, am eindeutigsten in der am 16. Mai 1971 von der BBC zum ersten Mal ausgestrahlten Fernsehoper „Owen Wingrave“, die in einem Decca-Mitschnitt noch heute erhältlich ist. Von der filmischen Herkunft des Zweiakters in neun Bildern, der 1973 in einer Bühnenfassung auch am Royal Opera House Covent Garden herauskam, ließ sich bei der Frankfurter Erstaufführung im Bockenheimer Depot der Ausstatter Kaspar Glarner leiten.
Ein durchdachtes System von Schiebewänden simuliert Bildschnitte, Simultanszenen in Bildausschnitten, Kamerafahrten in die Bühnentiefe sowie das Öffnen und Schließen von Blenden. So lässt sich auf engem Raum mit fließenden Umbauten eine Fülle von Szenen- und Perspektivwechseln bewerkstelligen. Wie im Film kommt dabei dem Licht eine zentrale Bedeutung zu. Frank Keller verwandelt den goldbraunen Grundton der Bühne, der wie auf alten Gemälden oder vergilbten Fotos wirkt, zuweilen in modriges Gruftgrau. Für den Auftritt der Geister genügt, ganz ohne dass diese in Erscheinung treten müssten, eine eisblaue Lichtbahn auf der Treppe des Spukschlosses Paramore. Seine Kostümentwürfe orientiert Glarner an der Oberschichtenmode der spätviktorianischen Zeit, in der die Handlung der Brittens Oper zugrunde liegenden Erzählung von Henry James angesiedelt ist. Der Verzicht auf regietheatralische „Aktualisierung“ erbringt einen Gewinn an Authentizität.
Owens rätselhaftem Tod
In den letzten Jahren haben sich einige Regisseure ohne platten Rückfall ins Opernmuseum wieder näher an die Musik und das geistige Umfeld des jeweiligen Stücks gehalten. Die Geschichte vom Ausschluss des abtrünnig gewordenen Owen Wingrave aus seiner Familie mit ihrer glorreichen, dreihundert Jahre alten Militärtradition und von Owens rätselhaftem Tod bei einer erzwungenen Übernachtung im Spukzimmer strapaziert Regisseur Walter Sutcliffe ganz in diesem Sinne nicht mit galoppierenden Verfremdungen.
Vielmehr deckt er in sprechender Mimik und Gestik die inneren Dramen der Figuren auf. Das gilt vor allem für die Titelrolle. Owen Wingrave, der junge Mann mit dem symbolträchtigen Namen, der auf Heldentod („Grabgewinner“) und Opferlamm (die walisische Bedeutung von „Owen“) hindeutet, zerreibt sich zwischen seiner pazifistischen Überzeugung und den angeborenen Kampf-Genen. Diesen zwangsläufigen Weg zum Tod inmitten einer Familien-Ideologie, in der sich die Liebe zur Tradition, zum Militär, zu Gott und zur Königin verhängnisvoll mischen, schritt der Bariton Michael Nagy packend aus. Äußerlich blieb er der formvollendete Gentleman, doch das intensive Zusammenspiel von Körpersprache und runder, nuancierter, gleichwohl „heldisch“ kraftvoller Stimme verriet die seelische Zerreißprobe, der Owen ausgesetzt ist.
Singdarstellerischen Meisterleistungen
„Owen Wingrave“ ist als Familientragödie in erster Linie ein Ensemblestück. Die Premierensänger fügten sich zu einer Idealbesetzung: Dietrich Volle war ein nobelbaritonaler, weit- und tiefblickender Militärakademieleiter Spencer Coyle, Barbara Zechmeister mit warmem Sopran seine Gattin. Julian Prégardien war mit leuchtendem, beweglichem Tenor der Militärstudent Lechmere. Anja Fidelia Ulrich (Owens Tante), Anna Ryberg (die Kriegerwitwe Mrs. Julian) und Jenny Carlstedt als deren Tochter Kate wirkten ausdrucksstark als Trio fanatisierter Schicksalsgöttinnen. Bei Hans Schöpflins eher gemütlichem General Sir Philip Wingrave, Owens Großvater, vermisste man etwas die Erinnerung an den gnadenlosen Schneid des kriegsbesessenen Feldherrn von einst. Richard Cox war ein ebenso beteiligter wie distanzierter Butler und Balladensänger.
Die neun singdarstellerischen Meisterleistungen fast ausschließlich von Mitgliedern des Frankfurter Opernensembles waren umso erstaunlicher, als alle Sänger ihr Rollendebüt gaben. Achtzehn Mitglieder des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters gaben unter der wendigen, überlegenen Leitung von Kapellmeister Yuval Zorn den Sängern ein sicheres instrumentales Fundament. Brittens Versuch, „eine vollkommene Klarheit des Ausdrucks“ zu erreichen, kam dieses Kammerorchester aus lauter Solisten bis in die rhythmische und klangfarbliche Feinzeichnung nach, auch in den sujetbedingt massiven Anteilen an Blech und Schlagzeug. Ihrem Britten-Schwerpunkt hat die Oper Frankfurt ein Juwel hinzugewonnen.

