http://www.faz.net/-gzg-8v08j

Oper „Die Trojaner“ : Kriegsbilder in Kassandras Kopf

Kammerspiel mit Aufmärschen: Regisseurin Eva Maria Höckmayr und Dirigent John Nelson bringen „Les Troyens“ in Frankfurt auf die Bühne. Bild: Helmut Fricke

Das Seelenleben zweier Frauen und gewaltige Massenszenen: Regisseurin Eva Maria Höckmayr und Dirigent John Nelson über die Neuproduktion der Oper „Die Trojaner“ von Hector Berlioz.

          Kassandra sei „stark und hilflos zugleich, handlungsunfähig, weil niemand ihr Glauben schenkt“. Die Vielschichtigkeit dieser Figur sei ihr bei der Vorbereitung auf ihre Inszenierung der auf Vergils „Aeneis“ basierenden Oper „Les Troyens“ („Die Trojaner“) von Hector Berlioz, die morgen, Sonntag, 19. Februar, in Frankfurt Premiere hat, durch die Lektüre der Erzählung „Kassandra“ von Christa Wolf noch näher gebracht worden, sagt Eva Maria Höckmayr.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Regisseurin, die hier zuletzt „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ von Frederick Delius und in Darmstadt kürzlich Puccinis „Tosca“ inszeniert hat, entschied sich daher, den ersten Teil der zweiteiligen Grand opèra aus der Sicht der Seherin zu erzählen. Die Bilder vom Trojanischen Krieg werden demnach so wirken, als entsprängen sie Kassandras Kopf, als seien es ihre Visionen. Ihr Selbstmord soll am Ende wie „ein utopischer Wunsch“ wirken und nicht szenisch real umgesetzt werden.

          Nelson sieht Chöre als die Hauptsache der Oper an

          Eine ebenso zerrissene Figur steht aus Höckmayrs Sicht dann mit der karthagischen Königin Dido im Zentrum des zweiten Teils, der deshalb nun aus deren Perspektive erzählt werden soll. Der aus dem brennenden Troja mit dem Schiff über das Meer geflohene Held Aeneas kommt zu Dido, und sie verliebt sich in ihn, obwohl sie der Liebe eigentlich abgeschworen hat.

          So sei die auf die politischen Notwendigkeiten ihres Amts fokussierte Dido zwischen Vernunft und Verlangen hin- und hergerissen. Zunächst habe sie viel Angst, doch als sie sich an ihr jahrelang verdrängtes Flüchtlingsschicksal erinnere, öffne sie sich mehr und mehr, führt Höckmayr aus. In Aeneas, der nun an ihrem Hof ebenfalls als Flüchtling auftauche, finde sie eine ideale Ergänzung. Aeneas, der sie dann aber ohne Erklärung sitzenlässt und weitersegelt, entwickle sich jedoch erst nach und nach zur Führerfigur.

          Den Kontrast zwischen den kammerspielartigen Szenen der Oper, in der es neben kleinen und mittleren nur diese drei großen Partien gibt, und den gewaltigen Massenszenen will Höckmayr auch durch ihre Erzählweise überbrücken. Die für die Grand opèra so typischen Episoden mit einem Großaufgebot an Statisten auf der Bühne, mit zahlreichen Tänzen und Aufmärschen sollen in die „Entwicklungsbögen der Frauen“ integriert erscheinen, gerade so, als seien auch dies lauter Bilder, die ihrem Inneren entspringen oder jedenfalls ihre Auffassung der Menschen und Dinge verändern.

          Der amerikanische Berlioz-Experte John Nelson, der die musikalische Leitung hat, sieht unterdessen die Chöre sogar als die Hauptsache der Oper an. 100 Stimmen aus Frankfurter Chören seien beteiligt und 20 weitere aus Bratislava. Die Chöre seien von Anfangs bis Ende stark präsent.

          Blechblasinstrumente ersetzen Saxhörner

          Nicht ohne Grund heiße die Oper „Die Trojaner“ und nicht „Dido und Aeneas“ oder „Kassandra“, sagt der Dirigent. Die „idée fixe“, ein musikalisches Thema, das wie in der Symphonie fantastique die ganze Oper durchziehe, entstamme denn auch dem trojanischen Marsch, der erklinge, wenn die Trojaner jubelnd das große Holzpferd in die Stadt ziehen. Diese, allerdings nicht im Sinne der Leitmotive Richard Wagners gebrauchte „idée fixe“ verbinde die beiden Teile der Oper auch musikalisch.

          Für den Einzugsmarsch habe Berlioz außerdem die größte ihm bekannte Bühnenmusik-Besetzung gefordert, sagt Nelson. In drei Gruppen unterteilt sollen eigentlich Musiker auf Saxhörnern spielen. Diese werden in Frankfurt, wie heute üblich, durch gebräuchliche Blechblasinstrumente ersetzt.

          In zwei von insgesamt sechs Produktionen von „Les Troyens“, die er schon geleitet habe, sei jedoch die Originalbesetzung zu hören gewesen. Ein „brillanter Effekt“ entstehe dabei zusätzlich durch das von Berlioz geforderte Heranmarschieren der einen Bläser-Gruppe aus dem Off auf die Bühne. Die Aufführung in Frankfurt bietet das Werk nahezu ungekürzt. Sie wird inklusive zweier Pausen fünf Stunden dauern.

          Spielzeiten des Stücks

          Die Premiere von Berlioz‘ Oper „Les Troyens“ beginnt im Frankfurter Opernhaus am Sonntag, 19. Februar, um 16 Uhr. Weitere Aufführungen folgen am 26. Februar sowie am 3., 9., 12., 18. und 26. März.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Zwischen Düsternis und Sinnlichkeit

          Oper Berlin wird 70 : Zwischen Düsternis und Sinnlichkeit

          Die Komische Oper Berlin wird siebzig. Für das Jubiläum wird tief in das Repertoires gegriffen: Barrie Kosky eröffnet die Saison mit seiner Inszenierung von Claude Debussys „Pelléas et Mélisande“.

          Pizzakönig Salvatore Rimonti Video-Seite öffnen

          Videoserie Frankfurt & ich : Pizzakönig Salvatore Rimonti

          In der neuen F.A.Z.-Serie „Frankfurt & ich“ geht es um bekannte und weniger bekannte Frankfurterinnen und Frankfurter, um interessante Persönlichkeiten, die ihre Geschichte erzählen und uns mitnehmen an ihre Lieblingsplätze. Folge 3: Der Restaurantbesitzer Salvatore Rimonti.

          Topmeldungen

          Lindners Vision: Das Finanzministerium soll aus der Hand der CDU genommen werden.

          Interview mit FDP-Chef : „Alles, bloß kein CDU-Finanzminister“

          FDP-Chef Christian Lindner will verhindern, dass Kanzlerin Merkel im Finanzressort weiter durchregiert. Und er warnt sie im Gespräch mit der F.A.Z., während der Koalitionsgespräche in Brüssel neue Tatsachen zu schaffen.

          TV-Kritik „Hart aber fair“ : Der Wunderknabe aus Österreich

          Sebastian Kurz ist der neue Hoffnungsträger der europäischen Konservativen. Bei „Hart aber fair“ zeigt sich, dass Kurz vor allem von Politikern profitiert, die sich für die Probleme der Menschen als unzuständig erklären.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.