19.01.2010 · Barack Obama – made in Frankfurt. Das Musical „Hope“ feiert den Aufstieg des Präsidenten. In der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst erlebte es seine Uraufführung. An der musikalischen Substanz und der Qualität der Sänger mangelt es nicht. Aber das Stück ist zu lang.
Von Hans RiebsamenWirklich schade für Barack Obama, dass er Amerikaner ist. Die Deutschen haben ihn offensichtlich noch mehr ins Herz geschlossen als seine Landsleute. Wäre er in Deutschland zur Wahl angetreten, hätte er gewiss mehr als nur 53 Prozent der Stimmen gewonnen. Unter den Besuchern des Musicals „Hope“, das jetzt seine Uraufführung in der Jahrhunderthalle Höchst erlebte, hätte Obama sogar mühelos ein DDR-Ergebnis von 99,9 Prozent erreicht. Die Premierengäste haben die Mühen eines dreieinhalbstündigen Bühnenspektakels durchgestanden und immer wieder einen Anlass gefunden, dem schwarzen Messias, verkörpert durch den Schauspieler und Sänger Jimmie Wilson, und dessen Mitstreitern zuzujubeln.
Musicals handeln gerne von streunenden Katzen, konkurrierenden Lokomotiven oder tanzenden Kaffeetassen. Zuweilen auch von lebensmüden österreichischen Königinnen oder von Liebespaaren in feindlicher Slum-Umgebung. Die Politik hat draußen vor der Tür zu bleiben – sogar in „Elisabeth“, das an Weihnachten mit so großem Erfolg in der Alten Oper aufgeführt wurde. Eine Ausnahme bildet „Evita“. Doch viel zu tun mit der damaligen politischen Realität Argentiniens hat Andrew Lloyd Webbers Musical auch nicht. Evita Perón, das Aushängeschild einer halbfaschistischen Diktatur, wird in dem Stück zu einer Kitschfigur melodramatisiert.
Nicht der übliche Musical-Quatsch
„Hope“ dagegen wählt sich mit dem Aufstieg des Barack Obama dezidiert eine Geschichte aus der großen Politik unserer Tage. Das ist mutig und lobenswert, weil die Schöpfer des Werkes sich nicht mit dem üblichen Musical-Quatsch zufrieden geben wollen. Ihr Problem ist freilich, dass sie Obamas Geschichte nicht zu Ende erzählt können, weil sie ja erst begonnen hat. Autor Randall Hutchins lässt also seine Story mit der Vereidigung Obamas und den Siegesfeierlichkeiten in aller Welt enden: Sein Obama entlässt das Publikum mit einem „Hope“ auf den Lippen. Dieser Abschlusssong handelt von der Hoffnung auf eine neue, bessere Zeit, die das amerikanische Volk einen soll.
Vor einem Jahr kam der neue amerikanische Präsident Barack Obama ins Amt, und die Hoffnungen, die auf ihm lasteten, waren nahezu überirdisch. Ein Jahr danach hat der Hoffnungsträger viel Zuspruch verloren. Wirtschaftskrise und Kriege kosten ihn viel Zustimmung im Volk.
Die Hoffnung hat sich bekanntlich nicht erfüllt, etwas mehr als ein Jahr nach Obamas Amtsantritt sind – siehe die Gesundheitsreform – die Fronten in Amerika so verhärtet wie zuvor. Allein schon deshalb wirkt „Hope“ an seinem Bühnengeburtstag etwas anachronistisch. Wahrscheinlich hätte der Frankfurter Regisseur und Produzent Roberto Emmanuele besser daran getan, Obamas Schwierigkeiten, die Heilserwartungen seiner Anhänger in reale Politik umzusetzen, am Ende des Stücks aufzugreifen.
Sie himmeln Obama an
Aber soll man Musical-Erfinder für etwas kritisieren, wofür Nobelpreis-Vergeber gelobt worden sind? Ist Obama nicht vom Friedenspreis-Komitee für Erfolge ausgezeichnet, die er noch gar nicht errungen hat, nicht errungen haben konnte, weil er erst ein paar Monate Präsident war?
In einem stehen sich die Musical- und die Nobelpreismacher allerdings nicht nach: Sie himmeln Obama an wie einen fleischgewordenen Erdenerlöser. In der Jahrhunderthalle geschieht das in der Sprache von Soul und Rock. Musikalisch jedenfalls lässt sich „Hope“ vieles abgewinnen. Wenn Boysie White als Reverend Writh von „Change will come“ singt oder Lerato Sebele als Elaine Johnson in ihrem Song „Beautiful America“ beschwört, kommt Broadway-Stimmung auf. Auf die Töne verstehen sich die größtenteils amerikanischen Darsteller: Es fetzt zuweilen ganz schön in der Jahrhunderthalle, und wenn am Wahltag der Ruf „Rock the Vote“ an die Bevölkerung Chicagos ergeht, rockt es tatsächlich gewaltig im Saal. An solchen Stellen darf auch das Publikum mitmusizieren, indem es auf eigens für das Stück aufgestellten Soundstühlen den Takt schlägt.
Kürzungen nötig
Darstellerisch hingegen lässt die Aufführung zu wünschen übrig. Gespielt wird eigentlich nicht, die Schauspieler sitzen eher herum wie in einer Talkshow und schlagen sich mit belanglosen Dialogen zur nächsten Musiknummer durch. Das ist nicht ihre Schuld, sondern die des Autors und die des Regisseurs, die sich auf eine abenteuerliche Dramaturgie eingelassen haben. Sie erzählen die Geschichte des Barack Obama und seiner Frau Michelle aus der Perspektive einer Patchwork-Famile aus der Southside in Chicago. Von ihrem Wohnzimmer aus beobachtet das afroamerikanische Ehepaar Elaine und Marvin Johnson zusammen mit ihrem puertoricanischen Kostgänger Ricardo, der republikanisch denkenden Nachbarin Mrs. Schultz und anderen durchschnittlichen amerikanischen Zeitgenossen den Weg Obamas. Ihre Dialoge führen sie in Englisch. Damit auch jene, die dieser Sprache nicht mächtig sind, sie verstehen, fasst ein Erzähler immer neu das Geschehene oder Kommende in Deutsch zusammen. Jeder aufziehende Spannungsbogen kollabiert spätestens in dem Augenblick, wenn dieser wenig witzige und spritzige Erzähler wieder einmal zu einer Erklärung ansetzt.
„Hope“, das Musical von deutschen Obama-Fans für deutsche Obama-Fans, hat nun als seine Taufe hinter sich. Die Produktion der Bad Sodener „Move GmbH“ soll bald auf Tournee gehen. Ob die Produktion ein Erfolg werden wird? An der musikalischen Substanz und der Qualität der Sänger mangelt es nicht. Aber ohne gewisse Kürzungen und ohne Änderungen am Erzählkonzept wird es die Produktion schwer haben.