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Samstag, 11. Februar 2012
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Noch ein Humpen, bis du stirbst: "Kaizers Orchestra" im Frankfurter Mousonturm

02.09.2003 ·  In einer von der New Yorker Lafayette Street abzweigenden dunklen Seitenstraße befindet sich eine wahrlich skurrile Ladenkneipe namens "La danse macabre". Zwischen käuflich zu erwerbenden Totenkopf-Aschenbechern, ...

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In einer von der New Yorker Lafayette Street abzweigenden dunklen Seitenstraße befindet sich eine wahrlich skurrile Ladenkneipe namens "La danse macabre". Zwischen käuflich zu erwerbenden Totenkopf-Aschenbechern, handgefertigten Voodoo-Puppen, Anti-Geister-Bohnerwachs und der täuschend echten Plastikreplika des ganz und gar aus Knochen und Schädeln geformten grauenhaften Schlafzimmerschreins von Serienkiller Jeffrey Dahmer, werden auch allerlei obskur anmutende Getränke mit noch seltsameren Namen ausgeschenkt. So gibt es dort beispielsweise blutrot gefärbtes deutsches Bier, serviert in einem verblüffend authentisch wirkenden Totenschädel-Humpen. Nach einem kräftigen Schluck wandert der bleischwere Krug zurück auf einen aus diversen schwarzen Särgen gestalteten Bar-Tresen. Auch in rein musikalischer Hinsicht tummeln sich in dem muffig-düsteren Etablissement immer wieder die merkwürdigsten Bands und Interpreten; Seit etwa zwei Jahren schon erlebt man dort immer wieder das schaurig-schöne Debütwerk "Ompa Til Du Dor" der norwegischen Formation "Kaizers Orchestra".

In grellpinken und giftgrünen Lichtspots tummelt sich hinter dem Mikrofon wild gestikulierend Frontmann Jan Ove Ottesen. Wie seine Kollegen, namentlich Schlagzeuger Rune Solheim, Keyboarder Helge Risa, Steh-Bassist Jon Sjoen sowie die beiden Gitarristen Geir Zahl und Terje Vintersto, so ist auch das für Gesang zuständige, gelegentlich sich auch an Gitarre und Resonanzkörpern betätigende Aushängeschild des Ensembles in einen hautengen Anzug, Hemd und Krawatte im angesagten Second-hand-Chic gekleidet. Harmlos, wie glücklich verheiratete Schwiegersöhne sehen die sechs Gestalten nun aber doch auf der Bühne des Frankfurter Mousonturms aus, fast so wie es der obsolete Bandname "Kaizers Orchestra" zu suggerieren vermag, der doch eher geeignet scheint, distinguiertes Cafehaus-Flair zu verströmen.

Doch die überschaubare Fanklientel weiß um das Geheimnis der Nordlichter: Die in ihrem Heimatland im vorigen Jahr nach mehr als 150000 verkauften Exemplaren von "Ompa Til Du Dor" mit Doppelplatin und dem Norway Alarm Award als beste Live-Formation gekürten Musiker beschwören ein derart pandämonisches Song-Panoptikum herauf, das selbst exzentrischen Stammzuschauern amerikanischer Kult-Fernsehserien wie "The Addams Family", "The Munsters" und "Six Feet Under" das Gruseln lehren dürfte.

In erster Linie liegt das sogar nicht einmal an jenen morbiden, auf norwegisch gesungenen Textinhalten zwielichtiger Moritaten aus der Schattenwelt wie "Bon Fra Helvette" (Gebet aus der Hölle), "Dod Manns Tango" (Toten Mannes Tango), "Rullett" (Russisches Roulette) oder an der herrlich schwarzhumorigen Geisterbeschwörungshymne "Dr. Mowinckel", wo beim Spuken dummerweise das Monokel des Gespenstes durch den Nebel beschlägt, sondern vor allem am Instrumentarium.

Die sechs extravaganten Herren bedienen neben klassischer Rockensemble-Gerätschaft auch Kontrabaß, leere Ölfässer, Schlagstöcke, Blechplatten, Autofelgen, eine uralte Kirmesorgel und ein noch älteres, knarzendes Harmonium. Die an sich schon absurd anmutende Kombination erlaubt "Kaizers Orchestra" eine ungewohnte Stilvielfalt mit einem Hauch martialischen Nervenkitzels, wie ihn schon die "Einstürzenden Neubauten" vor knapp zwei Dekaden zu zelebrieren verstanden.

Vorsicht ist auf jeden Fall geboten, wenn der Schlachtruf "Ompa Til Du Dor" der eigenartigen Nachtschattengewächse zusammen mit dem waghalsigen Variete-Faible und Stummfilm-Slapstick-Gehabe eines Harold Lloyd ertönt: Das gewiß harmlose "Ompa" wurde dem "Humpta Humpta" bayerischer Festzeltlyrik entlehnt. Der Nachsatz "Til Du Dor" hingegen läßt dann allerdings doch das Blut in den Adern gefrieren: "bis du stirbst".

Beinahe tödlich könnte sie allerdings schon auf so manches zarte Gemüt wirken, diese eloquente Fusion aus Polka, Saufprahlereien, Seemannsliedergarn, Surfbeat, Rockabilly, Zigeunerjazz, Klezmer, Tom Waits, The Cramps, The Pogues, Punk und osteuropäischer Folklore, vorgetragen in einem verwegen-breiten norwegischen Dialekt mit - gelinde ausgedrückt - immens hohen Dezibelwerten.

Als ein verführerisch-infernalisches Unterfangen entpuppt sich diese Produktion, die nicht nur in der hiesigen Musiklandschaft beispiellos sein dürfte. Inspiriert wurde diese wilde, von einem klaustrophobischen Logo eines barbarischen Gasmaskenträgers im Bühnenhintergrund gekrönte Schrammelmixtur ausgerechnet durch den ungarischen Klangschöngeist Goran Bregovich, dessen exzellenter Soundtrack zu Emir Kusturicas Film "Underground" einst ähnlich archaisch geriet.

Euphorisiert und berauscht von den unorthodoxen Rhythmen und Notenfolgen dürstet es das Auditorium nach knapp eine Stunde währendem Konzertgastspiel immer noch nach mehr. Zu drei weiteren Spuk-Oden aus der Gruft - "Sigöynerblod" (Zigeunerblut), "Bak Et Halleluja" (Hinter dem Hallelujah) und "Resistancen" (Der Widerstand), läßt sich das Sextett ohne größere Anstrengungen überreden. Eine vierte Zugabenforderung verhallt trotz ausharrenden fünfminütigen Dauertrampelns im Nichts. "Kaizers Orchestra" bleiben in den langgewundenen Gängen des Mousonturms wie vom Erdboden verschluckt verschwunden, scheinen sich wie Geister in Luft aufgelöst zu haben. Irgendwie scheinen sie doch beängstigend gespenstisch, diese Norweger!MICHAEL KÖHLER

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