23.03.2011 · Die Ausstellung „That’s what friends are for ...“ feiert die Malerei und den Neuen Kunstverein Aschaffenburg.
Von Katharina Deschka-HoeckSeit 20 Jahren gibt es den Neuen Kunstverein Aschaffenburg, seit 15 Jahren gestaltet Geschäftsführer Heinz Bartkowski das Programm mit. Jetzt ist er Kurator einer Ausstellung, die zu eben jenem Jubiläum gezeigt wird. „That’s what friends are for ...“ hat er die Schau nach dem Lied von Dionne Warwick genannt – was keine Übertreibung ist, kein sich Anbiedern an Künstler, von denen einige den Durchbruch geschafft haben.
Nein, es ist der Blick auf ein Stück gelebtes Leben, eine Rückschau auf gemeinsam intensiv erarbeitete Ausstellungen, auf Atelierbesuche, Gespräche und Feiern. Es ist eine Versammlung von Freunden, die hier zelebriert wird. Er habe gleich an genau diese Künstler gedacht, deren malerische Positionen zusammen ein repräsentatives Spektrum zeitgenössischer Kunst darstellten, berichtet Bartkowski und freut sich: „Und alle haben zugesagt.“ Diese Freude, auch auf Seiten der Künstler, die Großzügigkeit, mit der beispielsweise Jerry Zeniuk dem Kurator gestattete, sich all jene Werke auszusuchen, die er hier zeigen will, spiegeln sich in der Ausstellung wider. Eindrucksvolle Gemälde sind zu sehen, schon im Treppenaufgang hat genau jene fotorealistische Abbildung eines Frauengesichts in Öl von Craig Wylie ihren Platz gefunden, mit der er 2008 den „BP Portrait Award“ erhielt. Dass es Bartkowski war, der Craig Wylie einst in Zimbabwe entdeckte und 1998 für dessen erste Präsentation in Europa hierherholte, erfährt der Besucher nebenbei.
Hyperrealismus
Auch die ehemalige Städelschülerin Justine Otto hatte ihre erste größere Ausstellung im Neuen Kunstverein Aschaffenburg. Der erste Raum der Schau gehört nun ihren intensiven, ausdrucksstarken Ölbildern, deren Motiv immer junge Frauen sind. Kaum noch, wie in früheren Gemälden, sind diese wilden, zarten Geschöpfe allerdings im Wald anzutreffen, sondern in unergründlichen, traumartigen Szenerien – Requisiten wie blutige Tierschädel, Felle und Stöckelschuhe sind Hinweise auf die extreme Gefühlswelt der Heranwachsenden, denen man sowohl naive Unschuld als auch Brutalität zutraut. Ein ganz junges Mädchen im Wald kommt noch auf einem Bild vor, umgeben von Hunden und Wölfen, doch sie tun ihm nichts: Dieses Rotkäppchen mit dem herausfordernden Blick und den langen roten Fingernägeln ist kein Opfer.
Quer durch die Räume blickt finster ein Mann mit Kapuze zu Justine Ottos Frauengestalten hinüber: ein weiteres Ölporträt von Craig Wylie, dessen Hyperrealismus jeden Bartstoppel, jedes Äderchen, jede Hautunreinheit gestochen scharf darstellt. Auch zwei neue Arbeiten von Wylie sind in Aschaffenburg dabei, die zeigen, dass der 1973 in Zimbabwe geborene, seit 1998 in London lebende Maler einen neuen Weg eingeschlagen hat. Den Porträts von „AB“ liegen zwar noch Fotografien zugrunde, die Wylie aber am Computer extrem bearbeitet hat. Die Farben sind für ihn nun wichtiger als eine naturalistische Darstellung geworden, die neuen Bilder erinnern an Aufnahmen von Wärmebildkameras und geben gleichsam das innere Befinden des Porträtierten wieder.
Farbe und ihre geradezu sinnliche Präsenz
Einige jüngere Acrylarbeiten von Max Cole, der Malerin der Abstraktion, bilden einen ruhigen Gegenpol zu den narrativen Positionen: Ihre horizontalen Bänder strichelt sie mit vertikalen Linien in unendlicher Geduld aus zu Bildern großer Stille und Kontemplation. Cristina Herradas Martins Landschaften wiederum glühen in einem Rausch schriller Farben; grüne Vulkanausbrüche, gelbe Wolken, blaue Wiesen lassen die Welt neu entstehen. Dagegen zeigt Sonja Edle von Hoeßle ihre magischen, lichtdurchfluteten Flüsse und Waldseen als zarte Farbschlieren mit Goldgefunkel, weißen Wolken und Schimmern in Blau und Grün.
Der amerikanische Maler Jerry Zeniuk konzentriert sich auf die Farbe und ihre geradezu sinnliche Präsenz: Seinen Kreisformen bleibt er unbeirrt schon seit Jahren treu. Das letzte Wort hat in Aschaffenburg der Frankfurter Künstler Vollrad Kutscher, der sich mit seiner Installation „Schaum“ einen kritischen Blick auf den Kunstmarkt erlaubt: „Wie lasse ich mich nicht vermarkten?“, lautet die Frage, die er sich als Künstler stellt. Die Wände des Kabinetts hat er mit Seifenschaum in Form von Tulpenzwiebeln vollgesprüht, bezogen auf die Tulpenmanie im 17. Jahrhundert, als die Blumen erst extrem wertvoll waren und mit ihrer Verbreitung stark an Wert verloren. Eine Videoarbeit zeigt außerdem, wie er äußerst unsanft eingeseift und dann abrasiert wird: Kunst als „leckeres Investitionsobjekt“, wie da zu lesen ist? Nicht unter Freunden.
Katharina Deschka-Hoeck Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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