26.06.2010 · Leute am Rande des Nervenzusammenbruchs: „Neue Stücke aus Europa“ trauen in Wiesbaden und Mainz dem Theater einiges zu – und dem Zuschauer noch viel mehr.
Von Eva-Maria MagelFrüher war mehr Lametta. Bei Jol Pommerat ist mehr Discokugel. Wenn der attraktive Alte im weißen Dinnerjackett auftaucht, um uns zu erklären, wir müssten uns nur einlassen auf das Spiel, das da lautet „Glaub an Dich und an sonst nichts“, glitzert es im dunklen Rund des Staatstheaters. Der alte Showmaster ist irgendetwas zwischen Gott und Teufel und dann doch eben nur: ein alter Showmaster. Die Verantwortung weist er in die Ränge zurück: Ein jeder ist sein eigener Gott, das Leben ist ein Spiel mit hohem Einsatz. „Glauben“ gibt es nur noch im Sinne des Glaubens an das Ego. Oder zumindest an das Ich.
Das Bewusstsein des Selbst angesichts der Zumutungen von außen ist ein wiederkehrendes Thema bei den diesjährigen „Neuen Stücken aus Europa“, deren vierte Ausgabe am Staatstheater Wiesbaden, der zweiten in Kooperation mit dem Mainzer Staatstheater, am Sonntag zu Ende geht. Das Bewahren des inneren Kerns, oder der dramatische Verlust, muss nicht immer als Tragödie erscheinen – man lachte beim bulgarischen „Angenehmschrecklich“, einer eher privaten Geschichte vom Arrangement im Scheitern, ebenso wie in dem an Beckett und Diderot erinnernden Zweipersonenstück „Bab et Sane“, das gewissermaßen Afrika nach Europa holte.
Die Sache ist lustig, geht aber nicht gut aus
Der Schweizer Dramatiker René Zahnd und Regisseur Jean-Yves Ruf haben es am Theater Vidy-Lausanne, das auch Heiner Goebbels’ aufwendige Musiktheaterstücke produziert, den wunderbaren Schauspielern Habib Dembelé und Hassane Kassi Kouyaté quasi auf den Leib geschrieben und inszeniert: Zwei Leibwächter eines afrikanischen Diktators bleiben nach dessen Entmachtung zurück, und im geschlossenen Raum steht nicht nur die Politik zur Debatte, sondern vor allem das Arrangement des Einzelnen mit Unterdrückung und getrogenen Illusionen. Die Sache ist lustig, geht aber nicht gut aus.
Ähnliches könnte man von „Hannah und Martin“, dem niederländischen Beitrag, sagen, der die persönliche Annäherung der Schauspieler-Autoren Lineke Rijxman und Willem de Wolf an die in den Niederlanden nicht ganz so bekannte Liebesgeschichte zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger zeigt: unterhaltsam, problembewusst im guten Sinne – und die Fragen Arendts in die Gegenwart und ins Eigene, Persönliche wendend, ohne plakativ zu werden. Wie verhält sich der Einzelne zu politischen und gesellschaftlichen Konstellationen, mit denen er nicht einverstanden ist? Plakativ ist das beim schwedischen Beitrag „Wir sind hundert“ von Jonas Hassen Khemiri gewesen.
Von Waldboden bis Pferdedung - auch Gerüche kommen zum Einsatz
In Pommerats „Cercles/Fictions“ geht es um die ganz großen Maximen der Tafelrunde: „Loyalität, Mut, Herzensadel, Courtoisie und Altruismus“. Das aber kommt ganz zum Schluss und eher beiläufig und ist doch stets da in Pommerats Produktion für die Bouffes du Nord in Paris. Die ist nicht nur der Discokugel wegen sicherlich das schillerndste Stück der zu Ende gehenden Biennale. Und nicht nur wegen des immensen Aufwands, mit dem die düstere, steile Arena für nur zwei Vorstellungen auf die Bühne des großen Hauses gebaut worden ist, wäre zu wünschen, mehr Zuschauer hätten die Gelegenheit gehabt, diese ungewöhnliche Mischung aus Illusionsshow und Assoziationstheater zu sehen, bei dem Blitz und Donner, eine Ritterrüstung und sogar diverse Gerüche – vom Waldboden bis Pferdedung – verwendet werden.
„Cercles/Fictions“ ist nicht nur eine Einladung, sich auf den Budenzauber des Theaters einzulassen, sondern auch auf das oft widerständige Nachdenken. Rationalität und Irrationales polarisieren nicht nur die Episoden selbst, sondern auch die Rezeption der kinderlosen Yuppies, die sich im Wald verirren, der Arbeitslosen, der Herrschaft, die mit ihren Dienern Demokratie am Rand des Ersten Weltkriegs spielt, der Herrin aus dem 19. Jahrhundert, die aus Vernunftgründen ihr Baby quält, des Karrieristen, der aus abergläubischem Aufstiegsdrang mit einer Obdachlosen schläft. Das ist allemal gut für das Nachdenken, das auch in „Hannah und Martin“ einen, prekären, Schutz bietet. Und Stoff für Diskussionen. So soll es bei einem Festival sein. So soll ein Festival sein.
Die Biennale „Neue Stücke aus Europa“ endet am Sonntagabend. Am Samstag und am Sonntag sind Beiträge aus Kroatien, Island und Polen zu sehen, von 20.30 Uhr an ist am Samstag ein Erzählcafé zum Thema Heimat im Kleinen Haus zu erleben. Informationen unter www.newplays.com.