23.04.2010 · Noch immer unbekümmert und fröhlich: Nena singt und tanzt in der Frankfurter Festhalle vor einem begeisterten Publikum, das am liebsten die Hits von einst hört.
Von Michael Köhler, FrankfurtSchon Nationaltrainer Sepp Herberger wusste den ewigen Zyklus sportlicher Höchstleistungen in plakative Worte zu fassen: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Als nicht minder prophetisch erweist sich Pop-Ikone Nena nach wahrem Laufmarathon von 150 Minuten in der Frankfurter Festhalle. Inmitten einer um sie und ihre zehn Musiker versammelten Kinderschar stellt das einst erste weibliche Idol der Neuen Deutschen Welle fest, dass jedes Ende sich ja prinzipiell auch als Neubeginn versteht: Mit der Ballade „Das ist der Anfang“ im ausladenden Stil von „Hey Jude“ der Beatles setzt der Neuankömmling im Club der Fünfzigjährigen einen gezielt dramatischen Schlusspunkt und gibt dennoch Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen.
Ganz nach dem Geschmack des nicht gar so zahlreich erschienenen Publikums - die meisten im Alter von 40 Jahren an aufwärts - ist der für Nena so typische Optimismus. Wenn die vierfache Mutter und Gründerin einer Privatschule in ihrer Wahlheimat Hamburg in die zahllosen Augenpaare der mehrheitlich seit rund drei Dekaden treuen Anhängerschaft blickt, erntet sie neben maßloser Bewunderung auch stets fragende Blicke: Wie gelingt es Gabriele Susanne Kerner bloß, so jugendlich und energiegeladen zu bleiben, als sei sie das fleischgewordene Abbild aus Tom Tykwers Kinokassenknüller „Lola rennt“, während Gleichaltrige längst ergraut sich unmittelbar in den ironisch gezeichneten Figuren der ZDF-Serie „Klimawechsel“ rund um den Übergang in das letzte Lebensdrittel wiedererkennen?
Nena singt - und tanzt verrucht
Eine Antwort bleibt die mit dem zwölf Jahre jüngeren Musikproduzenten Phil-ipp Palm Liierte schuldig, selbst wenn sie mit Augenzwinkern bekennt: „Wunder geschehen“. Eine erstaunliche Entwicklung nicht nur als Künstlerin hingelegt hat Nena, wenn sie die Hits von gestern mit Songs von heute mischt und strikt darauf achtet, dass Arrangements stets frappant anders klingen, als das die Fans von den Tonträgern gewohnt sind. Mit dem Titelsong des aktuellen Werks „Made In Germany“ bestreitet sie den Auftakt - deftiger Hard Rock, der so gar nicht dem Stil von Nena auf dem Höhepunkt ihrer Karriere gleicht, aber aufregend neu tönt. Weiter geht es mit flottem Blues-Boogie in „SchönSchönSchön“. Nena tanzt verrucht. Da kommt das am gertenschlanken Leib maßgeschneidert getragene Hautenge in üppiger Glitzerverzierung erst so richtig zur Geltung.
Wie ein geschmückter Christbaum funkelt auch das Bühnenambiente mit Las-Vegas-Treppe, auf dem Nena Kilometer um Kilometer abhakt, ohne aus der Puste zu kommen. Einst kollektiv von der Gegenkulturfraktion gehasst, die in den frühen achtziger Jahren lieber dekadentem Nihilismus hedonistischer Gothic-Heroen wie Sisters Of Mercy, narzisstischem Geschlechterrollentausch à la Boy George oder dem schmolllippigen Lolita-Vamp Kim Wilde frönte, als fröhlichem Deutsch-Pop aus Hagen mit international goutierter Anti-Kriegs-Botschaft zu lauschen, findet der stets sich selbst treu gebliebene Ex-Teenstar späte Anerkennung. Keiner widersetzt sich mehr, wenn Nena leutselig fragt: „Willst du mit mir gehen?“
Nenas Kinder als Hintergrundstimmen in der Band
Nenas unbekümmerte Art, sich als selbststilisiertes Gesamtkunstwerk mit Höhen und Tiefen öffentlich zu machen, spielt sicherlich eine Rolle bei ihrem Status als überlebensgroße Lichtgestalt. Wie selbstverständlich integriert sie in der Band als Hintergrundstimmen ihre beiden Kinder, die zweieiigen Zwillinge Sakia und Larissa, die Mama unlängst fast gleichzeitig zur Doppel-Oma machten. Längst zu Volksmusik der Gegenwart avanciert sind Hits wie „Nur geträumt“, „Leuchtturm“, „Fragezeichen“ und „99 Luftballons“. Gewissermaßen Hymnen für ein ganzes Leben. Gleichwertig aktuelles Material wie „Liebe ist“ oder das autobiographische „In meinem Leben“ bleibt eher rar gesät. Viel lieber fährt das restlos begeisterte Publikum kollektiv „auf Feuerrädern in Richtung Zukunft durch die Nacht“.