02.10.2006 · Die opulente, oft grellbunte Musical-Tanz-Show „Bharati, Auf der Suche nach dem Licht“, die in der Frankfurter Festhalle Premiere hatte, versucht dem Publikum ein authentisches Bild von Indien zu vermitteln.
Von Michael KöhlerSchon am Eingang umwehen mehrere exotische Düfte die neugierig schnuppernden Nasen. Zweifelsfrei als Inderinnen zu identifizierende Damen stehen, in tradionelle Saris gehüllt, im Foyer, murmeln mit angedeuteter Verbeugung „Namaste“. Von ihnen erhalten alle Besucher, noch bevor sie in geruchsintensiven Räucherstäbchen-Schwaden das Halleninnere erreicht haben, ein traditionelles „Bindi“ auf das dritte Auge gemalt.
Mit diesem dekorativem Rot-Punkt verziert, begibt sich der wie Pilgerreisende zum Zentrum drängende Schwarm auf Sitzplatzsuche. Die für hektische Großstädter anheimelnde Magie der Fast-Erleuchtung verfliegt jedoch schnell im Angesicht gigantischer Größe - die zugige Frankfurter Festhalle mit majestätischer Kuppel taugt nicht so recht zum sakralen Miteinander.
Gelebtes Multikulti
Entsetzliches Elend in Slums mit Millionen Darbender kontrastieren mit protzigem Wohlstand schmucker Fassaden und luxuriöser Touristenenklaven von wenigen: Indien war und ist der Subkontinent krasser sozialer Gegensätze. Die vom indischen Produzenten Gashash Deshe initiierte, nach Frankreich, Belgien und Niederlande vor wenigen Tagen in der Hansestadt Hamburg in Deutschland uraufgeführte Musical-Tanz-Show „Bharati - Auf der Suche nach dem Licht“ versucht, das ist zumindest Deshes Intention, westeuropäischem Publikum ein Stück Fernost möglichst kurzweilig, aber auch authentisch näherzubringen.
Wie in vielen der jährlich über 900 produzierten Bollywood-Filmen, kleckert das von Konzertimpresario Marek Lieberberg in Kooperation mit Branchenkollege Michael Brenner exklusiv importierte Entertainment nicht, sondern klotzt massiv: Mehr als 100 Tänzer, Musiker, Akrobaten, Sänger und Schauspieler in rund 1000 handgefertigten Edel-Kostümen tummeln sich 120 Minuten lang in ausgefeilten Choreographien, interpretieren Songs aus indischen Filmklassikern, jahrhundertalte Folklore und gar ein sitargezirptes „Viens, Mallika“ aus Leo Delibes „Lakme“. Bei soviel Gigantomie, schließlich sitzen ARD und der örtliche HR als Präsentatoren mit im Boot, können just in den Vorverkauf gehende Zusatzshows in gleicher Lokalität vom 28. bis 31. Dezember nicht ausbleiben.
Auf und hinter der Bühne gelebtes Multikulti: Die Akteure stammen ebenso aus dem vom Himalaja geprägten Norden Indiens wie aus Tamil Nadu im Süden. Großstädter kommen mit Dörflern zurecht. Nicht alle sprechen Hindi oder Englisch, einige können nur Tamil. Verständigen sich mit Händen und Füßen, fühlen aber indisch, weil alle einen ähnlichen Hintergrund haben - irgendwie. Gemeinsam agieren sie. Unglaubliche, von Zwischenapplaus begleitete Massentanzorgien in schrillem Grellbunt wechseln mit filigraner, an „Begnadete Körper“ erinnernde Akrobatik. Untermalt von überdimensionalen Film- und Foto-Projektionen, glitzert, glänzt und funkelt es, als kündige die selige Ära des Glam-Rock Anfang der frühen siebziger Jahre ein Revival an. Dieser permanenten Reizüberflutung durch Kitsch, Kühnheit und Karnevalskostümierung hält ein auf gänzliche andere Gangart konditionierter Durchschnittseuropäer nur kurze Zeit stand.
Historie, Bräuche und Mentalitäten
Zumal der Inhalt der banal bis schmalzigen Liebesgeschichte fatal an diverse Telenovelas erinnert, die uns derzeit per Fernsehen überfluten: Aus dem fernen Amerika kommt der blendend aussehende, westlich orientierte Ingenieur Siddharta zurück in seine indische Heimat, um dort ein Klärprojekt am Ganges zu verwirklichen. Er verliebt sich auf Anhieb in die schöne Bharati. Doch nach dem Willen ihres konservativen Adoptivvaters aus der niederen Kaste der Feuerbestatter, ist sie schon einem anderen versprochen. Der Streit der Kulturen als amüsanter Show-Reigen, der letztendlich dazu dient, den fortschrittlichen jungen Mann von der Bedeutung indischer Riten, Traditionsbewußtsein und den Werten der Familie zu überzeugen.
Ironischerweise bleiben die Hauptdarsteller, die atemberaubend grazil-erotische Bhavna Pani als Bharati sowie der nicht minder attraktive Gagan Malik in der Rolle des Siddharta, trotz solider Darbietung eher zweitrangig. Im Mittelpunkt steht dagegen ein in gebrochenem Deutsch parlierender Erzähler, der das moderne Märchen moderiert, im Duktus aber fatal an den verstorbenen holländischen Showtitanen Rudi Carrell erinnert. Was er nahezu nonstop zu berichten weiß, erinnert an Impressionen eines launig-fidelen Reiseleiters mit imposantem Sendungsbewußtsein. In Lichtgeschwindigkeit jagt er, Gags und Pointen nur ungern meidend, durch ein enormes Pensum an Historie, Bräuchen und Mentalitäten. Er stellt die verwendeten Instrumente vor - von Sitar bis Santur, von Rajasthani-Violinen bis Tanpura, von Tabla bis Majira -, erklärt, welch wichtige Bedeutung der Kokosnuß zukommt, und funktioniert das wimmelnde Treiben mit kollektiv ausgestoßenem „Ohm“ gar zum interaktiven Multimediaspektakel um.
Spätestens als das Auditorium zum grandiosen Finale unter des Erzählers antreibender Ägide endlich selbst Arme und Beine schwingen darf, scheint die Quadratur des Kreises geglückt: Minutenlanger Applaus, frenetischer Jubel nach dem letzten Vorhang. Und garantiert ist jeder einzelne der spirituellen Erleuchtung ein ganzes Stückchen nähergerückt.