10.03.2010 · Die Kunst der weißen Fläche: Das Museum Wiesbaden zeigt Arbeiten des englischen Künstlers Alan Uglow.
Von Christoph SchütteZwei Dinge gebe es im Leben, hat Alan Uglow sinngemäß einmal gesagt: die Malerei und den Fußball. Beides spiele auf einem von Linien strukturierten Feld. Und im Grunde, könnte man angesichts der „On/Off Reality“ überschriebenen Ausstellung des 1941 im englischen Luton geborenen Künstlers im Museum Wiesbaden meinen, im Grunde ist damit auch schon alles gesagt. Über den Fußball wie über Uglows Malerei. Und nichts naturgemäß. Denn entscheidend, so setzte er im Gespräch mit Kurator Jörg Daur hinzu, sei hier wie dort doch das, was sich zwischen diesen Linien ereigne.
Freilich, in den Bildern des seit 40 Jahren an der New Yorker Bowery heimisch gewordenen Künstlers heißt auch das zunächst einmal: nichts. Oder doch beinahe nichts. Dann wenig. Und dann, allmählich und mit jedem Blick ein wenig mehr, und schließlich erschließen sich veritable kleine Sensationen. Zwar stimmt es, dass die meisten Arbeiten Uglows der vergangenen 25 Jahre zunächst einmal weiße, nur von farbigen Linien gefasste und mitunter allenfalls horizontal geteilte Flächen vorstellen. Und schon in „Ohne Titel“ von 1974/75 – der ältesten, noch in Öl auf Leinwand entstandenen Arbeit der vornehmlich mit Werken aus der Sammlung Mondstudio bestückten Schau – lassen sich jenseits der vordergründigen Monochromie an den Rändern grafisch zu nennende Strukturen ausmachen, die die typischen Linien der späteren „Standards“ vorwegzunehmen schienen.
Lust am Experiment
Doch Uglows jede Handschrift so weit wie möglich zurücknehmende Acrylmalerei verdankt zwar der Geschichte der Ab-straktion und namentlich dem Minimalismus und der konstruktiven-konkreten Kunst sichtlich eine Menge. Und auch die äußerst subtil Weiß- und Grautöne variierenden Flächen schließen an diese Tradition an. Zugleich aber präsentiert er seine so klar und reduziert erscheinenden Werke auf eine Weise, die man in diesem Kontext vermutlich nur als Sakrileg begreifen kann. Denn nichts stimmt hier augenscheinlich. Kaum ein Bild hängt, wie es sich gehört, und hält mehr Abstand zur Sockelleiste als 20 oder 30 Zentimeter, und eine ganze Reihe seiner Arbeiten wie die „12 Standards Leaning“ lehnt gerade wie im Atelier des Künstlers auf kleinen Klötzchen an der Wand. Als hätten sie ihren Platz auch nach der Vernissage noch nicht so recht gefunden.
Doch das genaue Gegenteil ist hier der Fall, hat es Uglow doch mit Bedacht gerade so entschieden. An den „Standards Leaning“ lässt sich überdies auch exemplarisch nachvollziehen, was man die konzeptuelle Pointe seines jüngeren Schaffens nennen möchte. Denn nicht nur, dass hier wieder einmal die Konturen einer Position offen zutage treten, die sich durch frappierende Klarheit und Konzentration auszeichnet. Uglow enthält mit dieser Serie gleichsam dem Betrachter die „eigentlichen“ Werke vor. Und zeigt stattdessen nach Schwarzweißfotografien eigener Arbeiten entstandene Siebdrucke in leicht verkleinertem Format. Mehr noch, hinter spiegelndem Glas präsentiert, verlängert er die in der Gegenwartskunst beinahe schon notorisch sich ausnehmenden medialen Verschiebungen bis in den Ausstellungskontext, in dem sich die Exponate wiederum selbst zu bespiegeln scheinen.
Die eigentliche Überraschung der Schau aber sind die kleinen Formate. Denn hier, in Arbeiten wie den explizit auf den Fußball Bezug nehmenden „Romario“ oder „C. FC“ etwa variiert Uglow sein Vokabular hinsichtlich des Kolorits und der verwendeten Materialien mit einer Lust am Experiment, die eingedenk der so reduzierten Großformate mit ihren wie mit Klebebändern gezogenen Linien doch verblüfft. Acryl, Email und Dispersion setzt er hier ebenso virtuos ein wie Leinwand, Metall- und MDF-Platten und findet so zu Bildlösungen, die man bei aller Präzision vergleichsweise beschwingt und heiter zu nennen geneigt ist. Aber so ist Fußball, würde der Künstler dazu womöglich voller Lakonik bemerken: Entscheidend ist hier gerade wie in Uglows Malerei eben noch immer, was auf dem Platz passiert.