22.03.2011 · Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst hat Tino Sehgal die Gonzalez-Torres-Schau neu kuratiert.
Von Michael HierholzerVon Bonbons keine Spur. Dafür liegen die Poster in nicht allzu hohen Stapeln, die auf den ersten Blick an etwas dickere Fußmatten erinnern, griffbereit just da, wo die Durchgänge zwischen den Räumen sind. Sie drängen sich förmlich auf, man muss achtgeben, nicht auf sie zu steigen, während man durch diese Ausstellung der etwas anderen Art wandelt. Aber die Plakate sind ja auch dazu da, mitgenommen zu werden. Wie die Süßigkeiten, wenn sie denn gerade verfügbar sind. Es gibt Stadien, da sind sie es nicht. Immerhin finden sich hinter einer überlangen Gardine in einem sonst kahlen Saal schon einmal ein paar Baci mit Sprüchen, als handle es sich um Glückskekse. Und bald werden auch wieder Lakritzbonbons angekarrt und in einer Ecke ausgeschüttet.
Nicht nur der Umstand, dass der Mensch im Museum naschen darf, so viel er will, und sich mit plakativem Wandschmuck versorgen kann, ist außergewöhnlich. So hat Felix Gonzalez-Torres viele seiner Arbeiten schon angelegt: als Werke, die zur Teilnahme auffordern. Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst ist derzeit aber auch zu erleben, wie ein Kurator mit den Objekten einer Schau auf eine recht besondere Weise umgeht. Der deutsche Künstler Tino Sehgal hat eine Choreographie entwickelt, nach der die Ausstellung in der zweiten Hälfte ihrer Laufzeit, etwa fünf Wochen lang, ständig umgebaut wird. Insgesamt sechs Zustände hat Sehgal erarbeitet, und jeweils zwei Helfer sind damit beschäftigt, seine Vorgaben zu erfüllen, wobei sie allerdings Freiheiten haben, wie sie die gewünschte Ordnung herstellen. Im Augenblick bräuchten sie sechs Stunden, sagt Mario Kramer, Sammlungsleiter des MMK, um jeweils eine der sechs Zielkonstellationen zu erreichen, die allerdings sofort wieder geändert werde. Der Fluss der Bewegung wird nicht unterbrochen. Es gibt keinen Stau im Ausstellungsstrom. Diese Schau ist ein endloses Fließen. Auch wenn gelegentlich der Eindruck entsteht, hier werde gerade etwas aufgebaut, wie manch unvorbereiteter Betrachter denken mag. Die Helfer arbeiten in Schichten und werden tätig, sobald das Museum geöffnet wird.
Aids oder Gewalt als zentrale Themen
Wer das Aufsichtspersonal im Nacken spürt, braucht dieses Mal nicht beunruhigt zu sein, denn es möchte einen nur zur Mitnahme von Postern und Bonbons animieren. Hektik kommt keine auf, die Veränderungen nehmen ihren ruhigen Lauf, und die Räumlichkeiten des Museums verleiten die Besucher nicht zur Eile, sondern zum ruhigen Gleiten durch die Schau mit Arbeiten des 1957 in Kuba geboren Wahlamerikaners. Zu seinen bekanntesten Materialien gehören Glühbirnen, die er zu langen Girlanden zusammenfügte, zu Strängen aus weichem Licht, die von der Decke hängen, sich Wänden anschmiegen oder auf dem Boden mäandern. Die Härte und Bestimmtheit aus dem Dasein zu nehmen und das Leben als steten Fluss zu imaginieren, in denen die Individuen wie die sanft leuchtenden großen Glühbirnen schicksalhaft miteinander verbunden sind: Die Kunst von Gonzalez-Torres bedient sich einer einfachen Materialsymbolik, um verfestigte Verhältnisse künstlerisch zu konterkarieren. Insofern folgt die Idee einer Ausstellung in ständiger Bewegung Tendenzen seiner Kunst.
Themen wie Aids oder Gewalt waren zentral für den 1996 gestorbenen Minimalisten. Themen wie Siechtum und Tod oder auch eine aggressive Politik kommen bei diesem Künstler freilich gleichsam subkutan zum Ausdruck. Ähnlich wie bei Beuys, wenn auch mit weitaus reduzierteren Mitteln, setzte er auf die heilenden Kräfte einer Kunst, die sich spielerisch immer auf den Menschen bezieht: Sei es, indem zwei Uhren als zwei Verliebte zu denken sind, oder indem ein Bonbonteppich ein bestimmtes Individuum meint. So kann das Bonbonpapier eine Hautfarbe andeuten oder eine Präferenz in der Kleidung, und die Süßigkeit selbst für eine Vorliebe des Betreffenden stehen. Wenden wir uns ihm zu. Und essen sein Lieblingsbonbon.