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Museum für Angewandte Kunst Bürgersinn und ein klassizistisches Gebäude

14.09.2008 ·  Die Historische Villa des Museums für Angewandte Kunst wird gerade umfassend renoviert. Bald bietet sie mit edlen Tapeten, altem Mobiliar und erlesenen Gebrauchsgegenständen Raumerlebnisse der historischen Art.

Von Michael Hierholzer
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Die Stadt hängt mehr denn je an ihrer architektonischen Vergangenheit. Sie fühlt einen Phantomschmerz, der immer heftiger zu werden scheint. Ursachen dafür sind die Zerstörungen des Kriegs, eine auf Eliminierung des Historischen abzielende Stadtplanung in den dreieinhalb Jahrzehnten nach 1945 und ein zunehmendes Missbehagen an der gebauten Moderne. Nur wenig davon, was Frankfurt einst als Mustergroßstadt einer über Jahrhunderte hinweg organisch und harmonisch vorgehenden Baukunst weithin berühmt machte, ist heute noch sichtbar. Schon gar nicht im Inneren der oft entkernten historischen Gebäude. Das gilt für alle Stilepochen. So sind nur noch drei Gebäude aus der Zeit des Klassizismus erhalten. Eines davon ist die als Villa Metzler bekannte einstige Großbürgerbehausung am südlichen Mainufer.

Einstige Pracht und Herrlichkeit kann nicht rekonstruiert werden

Seit 1987 bietet sie als Teil des damals noch als Museum für Kunsthandwerk firmierenden Museums für Angewandte Kunst zusätzliche Ausstellungsflächen. Mittels einer Brücke ist sie mit dem strahlend weißen Richard-Meier-Bau verbunden. Dieser gehört zu jenen architektonischen Großtaten, mit denen eine ehrgeizige Kulturpolitik in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Verluste an historischer Bausubstanz teilweise kompensieren konnte. Das Konzept des Museumsufers bestand ja gerade darin, die noch vorhandenen hochherrschaftlichen Anwesen mit Werken herausragender, international tätiger Architekten zu einem unverwechselbaren Ganzen zu verbinden. Nun wird die klassizistische Villa, die bis zum Neubau allein als Domizil der Frankfurter Kunstgewerbe-Sammlung diente, rundum erneuert. In ihrem Inneren kann der Zustand einstiger Pracht und Herrlichkeit zwar nicht rekonstruiert werden, aber die Anmutung vergangener Epochen wird nach Abschluss der Arbeiten gewiss die Besucher in Entzücken versetzen. Das nämlich ist schon abzusehen: Das Publikum wird eintauchen in farbenfrohe und formvollendete Umgebungen, in denen die Gegenwart zurücktritt.

1803 hatte der Apotheker Peter Salzwedel den Grundstein zu einer Sommervilla gelegt. Sie entstand auf quadratischem Grundriss. 1851 erwarb der Bankier Georg Friedrich Metzler das Gebäude. Er ließ die Mansarden neobarock ausbauen. 1928 kam das Haus in den Besitz des Marburger Diakonieverbands, der es als Altenheim nutzte. 1961 schließlich kaufte es die Stadt, um den Beständen des Frankfurter Kunstgewerbevereins Raum zu geben. Diese Institution ist ein Beispiel für die enge Verzahnung des Frankfurter Bürgertums mit der Kultur im Allgemeinen und der Sammlungsgeschichte der Stadt im Besonderen. In Ermangelung fürstlicher Zuwendungen waren die Frankfurter seit alters her auf sich selber angewiesen, wenn es um Museen, Theater, Konzertsäle ging. Im Fall des Kunstgewerbevereins gab es zudem einen ökonomischen Hintergrund: An ästhetisch hochwertigen Gebrauchsgegenständen aus früheren Zeiten und verschiedenen Kulturen sollten sich die einheimischen Gestalter gewerblicher Produkte orientieren und Wertmaßstäbe entwickeln.

Verein verlor durch den Ersten Weltkrieg sein gesamtes Vermögen

1877 wurde der „Mitteldeutsche Kunstgewerbeverein“ als selbständige Abteilung der 1819 ins Leben gerufenen „Polytechnischen Gesellschaft“ gegründet. 1881 konnte der Verein das erste Kunstgewerbemuseum an der Neuen Mainzer Straße eröffnen. Durch den Ersten Weltkrieg verlor der Verein sein gesamtes Vermögen. 1921 übernahm die Stadt seine Sammlungen. In der Gegenwart unterstützt der Kunstgewerbeverein das Museum für Angewandte Kunst bei Ausstellungen, Ankäufen und all seinen Aktivitäten. Und sorgt tatkräftig für die Erneuerung der „Historischen Villa“, wie man das Gebäude heute genannt haben will.

Eine eigens geschaffene „Gemeinnützige Gesellschaft Historische Villa mbH“, eine hundertprozentige Tochter des Kunstgewerbevereins,, tritt als Bauherr auf: So konnte, wie Friedrich Heigl, Vorstandsvorsitzender des Vereins, ausführt, ohne bürokratische Hemmnisse zügig mit dem Vorhaben begonnen werden. Die Gesellschaft hat das Gebäude für zehn Jahre von der Stadt gemietet. 3,4 Millionen Euro kostet die Neugestaltung, 1,1 Millionen Euro kommen von der Stadt, 700 000 Euro von der Polytechnischen Gesellschaft, 100 000 Euro vom Hessischen Landesamt für Denkmalpflege. Den Rest wirbt der Kunstgewerbeverein bei der Frankfurter Bürgerschaft ein, bei Mäzenen, die im Hintergrund bleiben wollen, und bei Sponsoren, die sich mit dem guten Museumsnamen schmücken.

Seit November 2007 ist das Haus eine Baustelle, Mitte November dieses Jahres soll alles fertig sein. Die Arbeiten laufen mit Hochdruck, viele Räume lassen schon ihr endgültiges Aussehen schon erkennen. Während in den oberen Etagen dem Museum neue Möglichkeiten eröffnet werden, wird das Erdgeschoss künftig für Veranstaltungen genutzt – Vorträge, Konferenzen, Kongresse. Die Räume stehen zur Vermietung offen. Im Tiefgeschoss werden Speisen angerichtet. Für eine Küche und einen Restaurationsbetrieb fehlen freilich die Voraussetzungen.

Im ersten und zweiten Obergeschoss entstehen, wie Museumdirektor Ulrich Schneider sagt, „period rooms vom Barock bis zum Jugendstil“. Einen Biedermeier-Raum wird es geben, ein Empire-Gemach. Originalmobiliar aus der jeweiligen Zeit wird mit Porzellan und anderen Objekten kombiniert. Lebenswelten diverser Epochen sollen hier erfahrbar und anschaulich werden. „Wir wollen“, erläutert Schneider, „ein Raumerlebnis vermitteln.“ Dazu tragen ganz wesentlich die kostbaren Tapeten bei, die den in vergangenen Zeiten verwendeten nachgebildet und aufwendig gedruckt wurden. Der Blick auf die amerikanische Landschaft aus dem frühen 19. Jahrhundert etwa stammt von den Originaldruckstöcken einer Firma, die auf eine 300 Jahre währende Geschichte zurückblicken kann. So gelangt man zur überraschenden Erkenntnis: Die Fototapete hat eine Vorläuferin, und zwar in der weitaus geschmackvolleren Panoramatapete.

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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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