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Museum der Weltkulturen Schuhe, Hüte, Penishüllen und die globale Stammeskunst

Der Körper genügt sich nicht, er will bedeckt, geschmückt oder auch ausgestattet werden: Die Ausstellung „Trading Style - Weltmode im Dialog“ im Frankfurter Weltkulturen-Museum.

Der Körper genügt sich nicht, er will bedeckt, geschmückt, ausgestattet, erweitert, gezeichnet werden. Um seine Individualität zu behaupten. Oder seine Zugehörigkeit zu bekennen. Gegen die Macht der Konventionen ist oft kein Widerstand möglich. Aber der Austausch zwischen den Kulturen untergräbt doch die Kleidervorschriften. Dies gilt für alle Epochen, alle Kulturen, das klassisch Nackte ist der Ausnahmezustand und im Unterschied zum Halbverhüllten, wie Goethe seine Helden in „Faust II“ erkennen ließ, auch nicht wirklich erotisch. Das gilt zumindest für Europa. So ist die junge, nur mit einer Art Lendenschurz bekleidete Frau, die auf dem Ausstellungsplakat zu sehen ist, gewiss ein Fall für den voyeuristischen Blick. Aber die Sache ist komplizierter.

Michael Hierholzer Folgen:

Neben der halbnackten blonden Weißen steht ein angezogener schwarzer Mann. Aufgenommen wurde das Paar 1967 vor einer Safari-Lodge in Uganda. Die Libertinage der frühen Hippie-Zeit, als es Europäer und Amerikaner in Scharen nach Afrika zog, scheint in dieser Farbfotografie zum Ausdruck zu kommen. Sie konterkariert aber auch das kolonialistische Klischee vom nackten Wilden und dem anständig gekleideten Zivilisierten. Zudem deutet das Bild eine Beziehung an, die in der damaligen Zeit in vielen Teilen der Welt noch undenkbar, wenn nicht unter Strafe gestellt war.

Eine utopische Anmutung

“Trading Style. Weltmode im Dialog“ ist der Titel der Ausstellung im Frankfurter Weltkulturen-Museum, für die diese Aufnahme wirbt. Sie hat eine utopische Anmutung. Und verweist insofern auf eine Schau, in der die Globalisierung nicht als allzeit dräuende Gefahr, sondern als Möglichkeit zu einem lustvollen Austausch erscheint. Ethnologische Artefakte aus dem Depot des Museums und modernes Modedesign, Fotografien aus dem Archiv des Hauses und solche aus den „Lookbooks“ der Designer verweisen aufeinander und bilden auf zwei Etagen einen frappierenden Gesamtzusammenhang. Getreu dem „Labor“-Konzept des Weltkulturen-Museums unter seiner Leiterin Clémentine Deliss haben sich junge Kleiderkünstler für ein paar Wochen mit der Sammlung der Institution beschäftigt, Objekte ausgewählt, sich von ihnen inspirieren lassen und ihre eigenen textilen Arbeiten mit ihnen in Verbindung gebracht.

Ein anderer Teil der Schau besteht aus einer Fülle von Gegenständen aus dem Sammlungsgebiet Kleider, Schmuck, Leibextensionen. Dass sich darunter als Leihgabe der Galeristin Bärbel Grässlin auch Kopfbedeckungen mit Riesenbommeln und prächtiger Hochzeitsschmuck aus dem Schwarzwald geschmuggelt haben, ist eine hübsche Pointe. Eine andere, dass sich unter die zahlreichen Hüte aus allen möglichen Kulturen und Zeiten auch ein Sieb verirrt hat.

Von der Qual der Frauen

Nicht um Schmuck, sondern um Kleidung, darauf legt das Museum Wert, handele es sich bei den Penishüllen. Reich ist die Auswahl an Schuhen, von Mokassins der nordamerikanischen Indianer bis zu afrikanischen Sandalen, und von der Qual der Frauen zeugen sowohl die chinesischen Schuhe für abgebundene Füße als auch die riesigen goldenen Ohrgehänge aus Mali. Objekte aus sämtlichen Gegenden, auf die sich die völkerkundliche Sammelleidenschaft bezogen hat, sind hier versammelt, und abermals wird deutlich, über welchen Schatz das Museum verfügt. Ein Teil davon wird hier in üppiger Präsentation gezeigt, die weder nach Herkunftsregionen noch chronologisch, sondern einzig nach sachlichen Gesichtspunkten geordnet ist: Tasche liegt bei Tasche, Federkopfschmuck bei Federkopfschmuck, Maske bei Maske.

Museumsmitarbeiter Taimaz Shahverdi hat die Designerlabels ausgewählt, deren Kunst am Körper vorwiegend im zweiten Stockwerk der Ausstellungsvilla zu sehen ist. Die nigerianische Modemacherin Buki Akib beispielsweise hat sich für Musikinstrumente interessiert, die nun zusammen mit ihren Textilien gezeigt werden. Klänge in Mode umzusetzen, musikalische Strukturen auf Kleidung zu übertragen, das ist ihr ungewöhnlicher Ansatz. Ihre nigerianischen Schneider hätten sie für verrückt erklärt, erzählt sie lachend. Die hinter dem deutschen Modelabel „A Kind of Guise“ stehenden sechs jungen Modeschöpfer haben eine Kollektion geschaffen, die sich an Mustern und Techniken orientiert, wie sie in der Stammeskunst verwendet wurden. Hinter „CassettePlaya“ verbirgt sich die Londoner Designerin Carri Munden, die unter anderem die Formsprache traditioneller Tattoos für ihre knallbunten Kreationen verwendet.

Kollektionen von Modedesignern

Die australische Marke „P.A.M./Perks and Mini“ geht auf die Initiative von Designern zurück, die eine neue Stammeskultur mit Gleichgesinnten aus aller Welt anstreben und sich aller möglichen Anregungen aus den Weltkulturen bedienen. Dass sich auf einer großen Fotowand Aufnahmen aus dem Museumsarchiv neben solchen von den Kollektionen der hier vertretenen Modedesigner finden, bemerkt der Besucher erst auf den zweiten Blick. Zu sehr ähneln sich die Dinge, die Kleider, die Posen, die Gesten. Alle Kulturen waren sich immer schon näher, als die Abgrenzungsstrategen einen glauben machen wollen: Diese Schau zeigt den Stoff, aus dem eine menschenfreundliche Globalisierung ist.

Die Ausstellung ist zu sehen bis 31. August 2013.

Quelle: F.A.Z.

 
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