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Museum Angewandte Kunst : Wenn Pfeile in alle Richtungen zeigen

Absurd, paradox, exakt: „Kartografie der Träume. Die Kunst des Marc-Antoine Mathieu“ wird im Frankfurter Museum Angewandte Kunst gezeigt.

          Der Pfeil hat es ihm angetan. Selbst die Stare, die immer neue Flugformationen bilden, entpuppen sich bei näherem Hinschauen als solche. In einem Animationsfilm, der auf einem kleinen Monitor an der Wand läuft. Von Marc-Antoine Mathieu sind von morgen an im Frankfurter Museum Angewandte Kunst bewegte und unbewegte Bilder, Bilderserien und Comic-Seiten zu sehen. Alles in Schwarzweiß. Mit klarem Strich, deutlicher Kontur ins Szene gesetzt. Scharfe Momentaufnahmen von merkwürdigen Situationen. Traumsequenzen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Meistens dabei: ein Mann aus einer Zeit, als die Herren noch Hüte trugen und dreiviertellange Mäntel, vielleicht aus den zwanziger oder dreißiger Jahren, ein Handelsvertreter womöglich, denn oft hat er einen flachen Koffer dabei. Ein Jemand. Ein Niemand. Aus der Gegenwart scheint diese Figur nicht zu stammen, ebenso wenig sind offenbar die anderen Gestalten, die der Zeichner und Comic-Autor entworfen hat, von dieser Welt. Sondern vielmehr aus der eines Franz Kafka. Mit Kafka wird Mathieu häufig verglichen.

          Alles dreht sich um Frankreich und die frankophonen Länder

          Dass der Bezug zu dem Autor beklemmender Traumwelten, in denen übergeordnete Instanzen das Individuum in aussichtslose Lagen versetzen, nicht weit hergeholt ist, verrät ein Charakter wie Julius Corentin Acquefacques, dessen Nachname, rückwärts gelesen, phonetisch „Kafka“ lautet. Monsieur Acquefacques ist Angestellter im Ministerium für Humor, erzählt aus der Ich-Perspektive und wehrt sich am Anfang der Comic-Reihe, deren erster Band „L’Origine“ („Der Ursprung“) 1990 erschienen ist, schon einmal gegen den Verdacht, seine Tätigkeit sei unbedeutend. Er nimmt seine Arbeit sehr ernst, weshalb die schlechten Wortwitze seines Nachbarn keine Chance haben, staatlich approbiert zu werden. Auch wenn dieser immer wieder versucht, den eifrigen Beamten von der Güte seiner gereimten Scherze zu überzeugen. Was sich an Komischem ins Ministerium verirrt hat, wird indes von Kommissionen begutachtet und wandert von Mitarbeiter zu Mitarbeiter, während die Hauptfigur damit beschäftigt ist herauszufinden, was es mit dem „Ursprung“ auf sich hat, der sich als Wort plötzlich vor ihm ausbreitet. Die Reihe „Julius Corentin Acquefacques, Gefangener der Träume“ ist mittlerweile auf sechs Bände angewachsen, und die Abenteuer, in die ihr Protagonist gerät, spielen sich längst nicht mehr im Humor-Ministerium, sondern in diversen Traumwelten ab, über die er Kontrolle zu gewinnen versucht, während sie ihn jedoch von einer absurden Situation zur nächsten führen.

          Mathieu greift damit auf die Frühgeschichte des Comics zurück, in der sich nicht nur Winsor McCay in „Little Nemo in Slumberland“ des Kunstgriffs bediente, schlafende Charaktere mit Traummonstrositäten zu konfrontieren. Jemanden träumen zu lassen, um ihn der Realität zu entführen, war in Zeiten sehr populär, die gerade von Sigmund Freud gelernt hatten, dass sich während des Schlummers das Unbewusste Bahn brach und Wahrheiten bloßlegte, die im Wachzustand verdrängt wurden. Dass die Ordnung der Dinge ein Mysterium bleibt, ist eine grundlegende Einsicht, die Mathieu in seinen exakten Träumereien mit den Mitteln des Comic-Zeichners offenbart.

          „Kartografie der Träume“ ist der Titel der Schau, die schon zum Programm des Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse gehört. In diesem Jahr dreht sich alles um Frankreich und die frankophonen Länder. Die französischen und belgischen Comic-Erzeugnisse sind auch in Deutschland wohlbekannt, Mathieu gilt es hier noch zu entdecken. Vom klassischen Comic sind seine Arbeiten ziemlich weit entfernt, er bewegt sich in einem komplexen philosophischen und literarischen Kontext, sein natürlicher Aufenthaltsort ist die Metaebene, von der aus er seine Figuren in Paradoxien verstrickt. Sie müssen erfahren, dass es im Leben nie in eine einzige Richtung geht, auch wenn sie sich gerne auf die Zeichen verlassen würden. Sie zeigen ihnen aber nicht wirklich den Weg. Vielmehr führen die Pfeile in den Abgrund, sie vermehren sich so sehr, dass sie ihre Funktion als Mittel der Orientierung völlig einbüßen, selbst auf dem Meer surft das Männchen mit dem Mantel ziellos auf ihnen.

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          Das Sein, das Nichts und das Garnichts haben bei Mathieu gleichermaßen ihre Auftritte wie die Unendlichkeit, symbolisiert etwa mittels des Möbiusbandes, auf dem man sich nicht orientieren kann, nicht weiß, was oben und unten ist. Mathieu ist ein Geistesverwandter von M.C. Escher, wie dieser schätzt er das Spiel mit optischen Täuschungen, undefinierbaren räumlichen Zusammenhängen, der Wiederholung des Immergleichen, das zu einer Megastruktur wird. Mit ungeheurer Präzision schildert Mathieu das physikalisch Unmögliche. Und zieht die Besucher dieser so irritierenden Schau sogartig in ihren Bann.

          Die Ausstellung ist von morgen an bis 18. Oktober zu sehen.

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