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Veröffentlicht: 06.05.2017, 18:01 Uhr

Museum Angewandte Kunst Von der Lust des Speisens unter freiem Himmel

Ab ins Grüne: Die Schau „Picknick-Zeit“ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst erzählt vom menschlichen Grundbedürfnis, gemeinsam draußen zu essen.

von , Frankfurt
© © Anne Fourès Ausgegraben: Die Überreste des Banketts, das Daniel Spoerri 1983 gab

Er hatte schon des Öfteren Reste von Mahlzeiten in Kunstharz gegossen und den flüchtigen Augenblick, wenn das Essen beendet ist, auf diese Weise verewigt. Als Reliefs hängen die für alle Zeit eingefrorenen Relikte in den Museen der Welt, Gemälden gleich, wenn auch Zeugnisse einer Realität, der sich die Malerei immer nur annähern kann. Essen und Trinken als grundlegende Bedürfnisse sind menschheitsgeschichtlich wohl schon früh auch zu Mitteln der Kommunikation und kulturellen Verfeinerung avanciert. Nie wurden sie so unmittelbar ein Thema in der Kunst wie in den Arbeiten des zu den „Nouveaux Réalistes“ zählenden Schweizers, der seine Assemblagen auch „Fallenbilder“ nennt: Daniel Spoerri hat die Wirklichkeit eingefangen, und zu dieser gehört ganz wesentlich das Tafeln als sozialer Akt, als freundschaftliches Ritual, als gleichsam kultischer Vorgang, zu dem bestimmte Gegenstände wie Besteck und Geschirr notwendigerweise gehören.

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Auch am 23. April 1983 war Spoerri daran gelegen, die Erinnerung an ein gemeinsames Essen mit etwa hundert Menschen aus der Pariser Kunstszene zu bewahren, darunter Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely und Alain Robbe-Grillet. Aber dieses Mal war alles anders. Der Künstler hatte zu einem Essen unter freiem Himmel im Park des Château du Montcel in Jouy-en-Josas in der Nähe der französischen Hauptstadt geladen. Tischplatten bildeten eine lange Tafel. Noch während der Mahlzeit ließ er alles in einen 40 Meter langen Graben hieven und zuschütten.

Keine Erfindung der Neuzeit

Schüsseln, Teller, Tassen, Weinflaschen, Messer, Gabeln, Löffel, Aschenbecher und alles andere ruhten in der Erde bis zum Jahr 2010. In diesem Jahr wurden die Überreste des Banketts ausgegraben. Es war nicht ursprünglich im Sinn von Spoerri gewesen, dies zu tun, ein Archäologe hatte es jedoch zehn Jahre nach dem Ereignis vorgeschlagen, und Spoerri fand die Idee gut. Dieser Archäologe wandte sich freilich vor der Realisierung des Vorhabens von der Welt ab und ging ins Kloster. Weitere zehn Jahre später kam die Idee noch einmal auf. Wieder wurde ein Archäologe hinzugezogen. Dieses Mal klappte das Projekt. Die Ausgräber behandelten die Fundstücke nicht anders als antike Kostbarkeiten.

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„Le Déjeuner sous l’herbe“ gehört zu den Phänomenen rund um das Mahl im Freien, dem sich die von Charlotte Trümpler kuratierte Ausstellung „Picknick-Zeit“ widmet, die von morgen an im Frankfurter Museum Angewandte Kunst am Sachsenhäuser Mainufer zu erleben ist. Die Schau mäandert durch die Kulturgeschichte und biegt in zahlreiche Weltgegenden ab, um den Beweis anzutreten, dass der Wunsch nach einer gemeinsamen Mahlzeit unter freiem Himmel eine Kulturen übergreifende Faszination ausübt. Zwar ist das Essen an der frischen Luft keine Erfindung der Neuzeit. Mit der Einführung des Picknickkorbs im England des 18. Jahrhunderts gelangte es allerdings zu einer gesellschaftlichen Blüte, der seither weder Regenwetter noch Revolutionen aller Art etwas anhaben konnten. Im Gegenteil erfreut sich das Speisen im Grünen fernab der eigenen Wohnstatt weltweit größter Beliebtheit. Fotografien und Objekte führen nach Skandinavien, wo man sich auch von niedrigen Temperaturen nicht abhalten lässt, draußen zu speisen, schließlich gibt es Thermopicknickdecken, nach Japan, wo die Kirschblüten den Anlass bietet, gemeinsam im Anblick natürlicher Schönheiten kulinarische Köstlichkeiten zu genießen, oder Mexiko, wo beim Picknick auf dem Friedhof gerne die Lieblingsspeisen verstorbener Verwandter aufgetischt werden.

Frankfurt und seine Picknick-Tradition

Allein schon wegen der Vielzahl an ausgestellten Picknickkörben und -koffern lohnt sich ein Besuch dieser Schau. Dass es die Briten früh zur Perfektion des Picknicks gebracht haben, kann angesichts der Exponate aus der Sammlung von Axel Plambeck kaum angezweifelt werden: Die luxuriösen Ausstattungen edler Korb- und Ledergehäuse für den Bedarf einer Mahlzeit im Grünen, das Teeservice ist immer dabei, lassen erkennen, dass einst eine aristokratische Veranstaltung war, was alsbald alle gesellschaftlichen Schichten pflegten, wenn auch mit weniger wertvollen Utensilien.

Gesellschaftliche Ereignisse sind viele Picknicks in Großbritannien noch heute: Die Ausstellung befasst sich etwa mit der königlichen Ruderregatta in Henley, zu der das Speisen draußen im größeren Kreis ebenso gehört wie zum Opern-Open-Air-Festival in Glyndebourne. Hier wie an vielen anderen Stellen wartet die Schau mit aufschlussreichen Details auf: So werben Programmhefte aus den fünfziger Jahren auf den Titelblättern mit Motiven, die das Freilicht-Essvergnügen in bunten Farben zeichnen.

Dass das gemeinsame Essen draußen auch eine politische Dimension hat, erzählt beispielsweise das Kapitel „Paneuropäisches Picknick“: Am 19. August 1989 durchbrachen bei dieser Gelegenheit DDR-Bürger den Eisernen Vorhang nahe des ungarischen Grenzstädtchens Sopron. So kommt auch ein Trabi in diese Schau. Dass auch Frankfurt eine Picknick-Tradition hat, werden die wenigsten verinnerlicht haben. Dabei ist der Wäldchestag stets die Gelegenheit gewesen, sich in der Natur an gemeinsam konsumierten Speisen und Getränken zu erfreuen. Wie selbstverständlich die Praxis des Picknicks in allen möglichen Weltgegenden geübt wird, führen die Fotografien von Barbara Klemm vor Augen, die bei ihren Recherchereisen immer auch Menschen aufgenommen hat, die in Gruppen draußen gespeist haben: eine Picknick-Typologie in Schwarz-Weiß.

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