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„Moby Dick“ in Wiesbaden Jeder ist Ismael

11.03.2010 ·  Lippenstift, Lampenöl, Lebertran. Löschen, einholen, anheuern. Fremde Welt in fremden Wörtern, die da hereinbricht: „Moby Dick“ am Jungen Staatstheater Wiesbaden.

Von Eva-Maria Magel
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Lippenstift, Lampenöl, Lebertran. Löschen, einholen, anheuern. Fremde Welt in fremden Wörtern, die da hereinbricht. Walfang – das kennt man heute eigentlich nur noch vom Verachten und vom Umweltschutz. Dass es ein blutiges Geschäft ist, bis aus dem Tier ein paar Fässer Öl gewonnen sind, die in Kosmetik, Medizin und Öllampen verschwinden, wird in wenigen Gesten und Erklärungen augenfällig. Nur mit ein paar Holzpaletten, dicken Tauen und Haken hantieren die Seeleute auf der Studiobühne im Wiesbadener Staatstheater, um eine dichte Atmosphäre zu erzeugen.

Die rauhe Welt auf dem Walfangschiff „Pequod“ tritt in der Wiesbadener Fassung des Klassikers „Moby Dick“, die Regisseur Stefan Schletter mit seinem Team gemeinsam erarbeitet hat, deutlich hervor. Wo andere Bühnenadaptionen des Romans von Herman Melville sich allein auf die Handlung konzentrieren, geht es in der Inszenierung des Jungen Staatstheaters um das Ganze. Um den weißen Wal, aber auch um die Moral der Geschichte und um den Text selbst. Deswegen gibt es viel Seemannssprache zu hören, und es wird auch gelesen, aus der Übersetzung von Matthias Jendis aus dem Jahr 2001, die alle drei Darsteller in Händen halten. „Nennt mich Ismael“ – den berühmten ersten Satz sagen gleich alle.

Allerhand derbe Sprüche

Denn jeder, so sagt das, könnte Ismael sein. Und ein bisschen Ahab, Starbuck, Stubb steckt auch in jedem. Die Schauspieler schlüpfen in viele Rollen; im Lauf des Stücks ist es dann Wolfgang Zarnack, der ganz die des Ismael übernimmt, während Charles Toulouse, der mit Marcel Franken auch die Bühne mitgebaut hat, sich als Queequeg bisweilen ein wenig zu sehr in dem Radebrechen des Südseewilden gefällt, was das jugendliche Publikum weniger zur Reflexion über die Segnungen der Multikulturalität denn zu allerhand derben Sprüchen bewegt. Nicht nur an diesen Stellen scheint es, als habe die Mannschaft um Stefan Schletter, der mit dem dritten Darsteller Oliver Wronka von der nächsten Spielzeit an das Junge Staatstheater leiten wird, die Toleranzfähigkeit der Zuschauer vielleicht etwas zu optimistisch eingeschätzt.

Nicht verkalkuliert haben sie sich in der Mischung, die sich im Lauf der Stunde ergibt: Blitzschnell wechselnde Kostüme, das ebenso sparsame wie wandelbare Bühnenbild, dezent eingesetzte Videos und Geräusche und die waschechten Shanties (Musik Ernst August Klötzke) zwischen den Szenen bauen Spannung und Seefahrerstimmung auf. Wenn Kapitän Ahab (Oliver Wronka) sich in wahnwitzige Rage redet oder Starbuck die Mannschaft zur Meuterei aufwiegeln will, scheinen eindringlich, aber nicht zu aufdringlich die Fragen hinter dem Walfisch-Drama auf.

Moby Dick, für Kinder und Jugendliche von elf Jahren an; nächste Vorstellungen am 20. März und 11. April um 18 Uhr, am 13. April um 11 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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