31.10.2007 · Vor einem Jahr war eine Plattenfirma noch so dumm, sein Demo-Tape abzulehnen. Seitdem hat sich sein erstes Album fast drei Millionen Mal verkauft: Nachwuchstalent Mika gastierte in der Frankfurter Jahrhunderthalle.
Von Michael KöhlerSkepsis ist angebracht, wenn ein Nachwuchstalent binnen weniger Monate eine Karriere hinlegt, für die andere Jahre benötigen. Beim Auftaktkonzert zu seiner ersten Deutschland-Tournee in der Jahrhunderthalle Höchst bezaubert Sänger, Komponist und Produzent Mika jedoch mit griffigen Pop-Hymnen und spleenigem Entertainment. „Life In A Cartoon World“ hat der Sohn eines libanesisch-amerikanischen Elternpaares sein im Frühjahr erschienenes Debütalbum mit 11 hinreißend eingängigen Eigenkompositionen genannt. Es ist ein Credo, das der 1983 in Beirut geborene, in Paris und London aufgewachsene Absolvent des Royal College of Music durchaus wörtlich nimmt.
In seinem wie ein übermütiger Kindergeburtstag inszenierten Showspektakel tauchen gleich mehrere Figuren in schweißtreibenden Synthetikkostümen auf. Da tollt ein keckes Küken in Kanariengelb umher, da übertrumpft ein schlauer Hase alle Angreifer. Am drolligsten aber wirkt das Krokodil auf Freiersfüßen. Nicht nur die vielen Pubertierenden beiderlei Geschlechts direkt vor der Bühne lieben die zu Herzen gehende Szene. Mit inniger Zuneigung beglücken sie ihr Idol, mit Plüschtieren und diversen weiteren Aufmerksamkeiten.
Von den Idolen lernen
Doch mögen sie Mika auch ganz ohne Verkleidung. Schließlich ist der 24 Jahre alte Sänger, Komponist und Produzent ein attraktiver Bursche. Im knappgeschnittenen Satin-Sakko zu blütenweißen Röhrenhosen vom Londoner Designer Paul Smith wirkt er verführerisch glamourös. Gleich mehrmals wechselt der in gewagten Spontanchoreographien durchs Bild hopsende Sänger die schillernde Garderobe und erzählt zwischen den Songs in gar nicht mal so schlechtem Deutsch von seinem märchenhaften Werdegang. Vom gestrengen deutschen Gesangslehrer, von den Jingles, die er für eine Fluglinie und eine Kaugummimarke schrieb, aber auch von der amerikanischen Plattenfirma, die vor noch nicht einmal einem Jahr brüsk sein Demo-Tape ablehnte. Ähnlich abenteuerlich abwechslungsreich klingt auch Mikas mit Zitaten aus vier Jahrzehnten Popgeschichte gespicktes Repertoire.
Einen kleinen Hinweis darauf, wer den Schlaks mit den dunklen Locken und den grün-braunen Augen wohl am meisten beeindruckt haben könnte, gibt er in seinem Hit „Grace Kelly“: „I tried to be like Grace Kelly, / but all her looks were too sad, / so I tried a little Freddie, / I’ve gone identity mad!“ Mit „Freddie“ ist natürlich der 1991 verstorbene „Queen“-Frontmann Freddie Mercury gemeint. Von seinem Idol hat Mika einiges übernommen, etwa die mehroktavigen Gesangstürme mit schwindelerregenden Höhen oder das mit viel Pathos vorgetragene Pianospiel. Nicht zu vergessen: die schwülstige Theatralik mit gezierter Körpersprache. Doch selbst der hochverehrte Mercury ist nur einer von vielen, bei denen sich Michael Holbrook Penniman, so Mikas bürgerlicher Name, aus reichhaltigem Fundus bedient.
Finale mit Konfettimaschine
Als Quelle der immer wieder zum Einsatz kommenden Falsetto-Chöre lassen sich mal die „Bee Gees“, mal Leo Sayer oder auch „Sparks“-Sänger Russell Mael orten. Bei maßgeschneiderten Pop-Vignetten wie dem an Mädchen in Übergrößen gerichteten „Big Girl (You Are Beautiful)“ oder dem schlüpfrig auf Oral-Sex anspielenden „Lollipop“ standen eindeutig David Bowie und Elton John Pate. „Billy Brown“, eine Parabel auf sündigen Sex und dessen Folgen, ist Jobriath gewidmet, einem in Europa leider völlig in Vergessenheit geratenen amerikanischen Künstler, der 1983 an den Folgen von Aids verstarb. „Relax (Take It Easy)“ wiederum ähnelt verblüffend den Hits seiner derzeit schärfsten Konkurrenten: den „Scissor Sisters“.
Allerdings wäre es ungerechtfertigt, Mika voreilig dreistes Plagiat zu unterstellen. Zeit zur künstlerischen Entwicklung sollte auch in einer Ära überwiegend austauschbarer Interpreten noch möglich sein. Zumal wenn Charisma und Talent im Überfluss vorhanden sind. Schließlich klangen Pop-Legenden wie die „Beatles“ oder die „Rolling Stones“ auf ihren Debütwerken einst auch wie die Quersumme ihrer Idole. Sonst wären ja auch der Einsatz einer Konfettimaschine und Riesenluftballons zum überschäumenden „Happy Ending“ verpönt, bloß weil seit Jahrzehnten jeder zweite Künstler sein Finale damit zelebriert.