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Moderne Gesellschaft : Wir haben keine Zeit

Bild: Dirk Zimmer

Zeitforscher beklagen die fehlende Langsamkeit in der modernen Gesellschaft. Doch wie nehmen die Menschen das Zeitalter der Beschleunigung in ihrem Alltag wahr? Und was sagen eigentlich die Physiker dazu?

          Alle reden über Zeit. Vor allem um zu sagen, dass sie nicht genug davon haben. Zeit ist Alltagszeit, Lebenszeit und die übergreifende Zeit der Epoche, in der wir uns befinden – so erklärt es der Zeitsoziologe Hartmut Rosa. Seit Albert Einstein wissen wir, dass Zeit relativ ist. Sie ist es auch in unserer eigenen Wahrnehmung: Zeit kann schnell oder langsam vergehen, wir können dieselbe Zeitspanne als flüchtigen Augenblick erleben oder als gefühlte Ewigkeit. Die Ewigkeitsmomente aber, so scheint es, nehmen in der spätmodernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts stetig ab. Ein Schauplatz, an dem sich das Zeiterleben verdichtet, ist der Hauptbahnhof in Frankfurt am Main.  

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Mitten in der Woche. Ein ganz normaler Arbeitstag. Menschen hetzen zu den Gleisen, um ihren Zug noch zu erwischen. Andere laufen eilig in die entgegengesetzte Richtung zur Frankfurter S- und U-Bahn. Kaum einer schaut nach links oder rechts. Die festen Blicke der Menschen gehen geradeaus, als seien sie auf ein klares Ziel gerichtet, das in möglichst kurzer Zeit erreicht werden muss. Fortschritt. Beschleunigung. Mobilität. Der Weg ist das Ziel? An diesem Ort ganz sicher nicht. Frankfurt, die Stadt der überbeschäftigten Banker und Pendler.

          Zwischen Langsamkeit und Beschleunigungseskalation

          Vereinzelt ist aber auch das zu sehen, was Hartmut Rosa einmal als „Entschleunigungsinseln“ bezeichnet hat. Auf dem Bahnhof zeigt sich das in Form von Menschen, die langsam gehen. Sie wirken wie aus einer anderen Welt und doch so, als gehörten sie als notwendige Gegentendenz zur Hektik der modernen Gesellschaft. Es sind nur Punkte in der wuselnden Menschenmenge, aber sie werden nie vollständig zum Verschwinden gebracht. Vielleicht tragen sie dazu bei, dass viele der Eilenden trotz ihrer knapp bemessenen Zeit bereit sind, für einen kurzen Moment anzuhalten und mit uns genau darüber zu sprechen: über ihre Zeit.

          „Zeit ist für mich Luxus, weil ich immer das Gefühl habe, ich habe zu wenig davon“, sagt ein gepflegt gekleideter großer Mann mit grauen Haaren. Er ist Designer und Fotograf, achtundvierzig Jahre alt, und denkt kurz nach, bevor er fortfährt: „Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich langsamer leben. Ich würde wahrscheinlich häufiger stehen bleiben, mich häufiger umsehen und das, was ich dann sehe und erlebe, länger genießen. Einfach nur still genießen.“ Stille gibt es im Bahnhof nicht. An ein Gelände gelehnt steht eine Frau um die Dreißig. Sie trägt eine dunkelblaue Bahn-Uniform und sieht müde aus. Sie habe nicht viel Zeit, mit uns zu sprechen, erklärt sie, aber für einen kurzen Moment würde es schon gehen.

          Zeit sei Luxus, sagt auch sie und fängt an zu lachen. „Weil man zu wenig davon hat!“ Ein paar Meter entfernt eilt eine sportliche Frau durch die Bahnhofshalle. Sie trägt einen kleinen schwarzen Hund auf dem Arm und ist auch selbst ganz in schwarz gekleidet. Als hätte sie sich mit den ihr unbekannten Vorrednern abgesprochen, sagt die vierundvierzig Jahre alte PR-Managerin: „Zeit ist für mich Luxus. Damit könnte ich es am einfachsten beschreiben, weil man in der heutigen Zeit tatsächlich ganz wenig Freizeit hat. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich mehr Yoga machen, auch mal faulenzen“, erklärt sie lachend und eilt mit dem Hund im Arm weiter. 

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