26.10.2007 · Nach sechsjähriger Funkstille hat sich Manu Chao mit dem Album „La Radiolina“ zurückgemeldet. Gemeinsam mit seiner Band „Radio Bemba“ stürmt er beim Konzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle voran, als wäre es das letzte.
Von Christian RiethmüllerSie nennen ihn Straße. Mit gutem Grund. Denn dort hat sich der ruhelose Manu Chao in den vergangenen sechs Jahren mit Vorliebe aufgehalten. Seine Wohnung in Barcelona diente dem französisch-spanischen Musiker allenfalls als Basislager, weil ein Mann eben, frei nach Bruce Chatwin, einen Ort braucht, an dem er seinen Hut aufhängen kann. Allzu oft hing die Kopfbedeckung nicht am Haken – Manu Chao war in der Welt unterwegs.
Von seinen Reisen durch Europa, Lateinamerika und Afrika kündeten zahlreiche musikalische Projekte, bei denen Manu Chao als Gastmusiker, Produzent oder auch nur als Aufnahmetechniker in Erscheinung trat. Diese Projekte dürften in Deutschland aber nur von wenigen Fans verfolgt worden sein. Manu Chaos jüngstes Album „La Radiolina“ ist deshalb ein erfolgreiches Comeback nach sechsjähriger Funkstille, während der die Verehrung für Manu Chao sogar noch gewachsen scheint.
Kunst des Recyclings
Auch wenn andere Bands der vielfältigen südeuropäischen Mestizo-Pop-Szene wie etwa „Amparanoia“, „Golem System“ oder „Fermin Muguruza“ längst aus dem Schatten ihres Kumpels Manu Chao getreten sind, ist dieser der Prinzipal geblieben, der ohne Mühe Hallen wie die Frankfurter Jahrhunderthalle ausverkauft und wahrscheinlich auch ganze Stadien zum Toben brächte. Dafür sorgt allein schon der energetische Auftritt des Sängers und Gitarristen, der gemeinsam mit seiner Band „Radio Bemba“ bei jedem Konzert voranstürmt, als wäre es das letzte.
Mit „La Radiolina“ hat die Gruppe die rockige Ausrichtung von „Próxima Estación: Esperenza“ fortgeführt, ohne jedoch auf die afro-karibischen, lateinamerikanischen und mediterranen Rhythmen zu verzichten, die schon den Sound von Manu Chaos legendärer Band „Mano Negra“ prägten. Deren Songs waren beim gut zweistündigen Frankfurter Konzert quasi omnipräsent, ob nun ausgespielt, als Zitat oder auch als Melange, bei der zwei „Mano Negra“-Stücke und ein Manu Chao-Text ein neues Lied ergeben.
Die Kunst des Recyclings hat Manu Chao ohnehin perfektioniert. So sorgt er für Eingängigkeit, weil jeder Song sofort vertraut klingt, selbst wenn man ihn noch nie gehört hat. Langeweile kommt bei diesem geschickten Spiel mit bewährten Zutaten trotzdem nicht auf, dafür gehen die einfachen Melodien zu gut ins Ohr. Für das kollektive Wohlgefühl bei Manu Chao-Konzerten sorgt aber nicht nur die mitreißende Musik, sondern auch die Botschaft, die sie transportiert. Hier wird im übertragenen Sinne die Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen vertont, hier weht das Banner der Globalisierungskritik, auch wenn die politischen Aussagen im Ungefähren bleiben oder nicht über Slogans hinauskommen. Im Zweifelsfall ist eben der Kerl im Weißen Haus an allem schuld. Das meint zumindest die Straße.