„Es gibt viele Köche, einige unter ihnen sind Künstler“, hat Bernd Koberling einmal formuliert, „es verhält sich wie bei den Malern.“ Und wie jede gute Küchenfee weiß auch der gelernte Koch, der Koberling nun einmal ist, dass es mit dem Hunger allein als Urgrund der Kreativität nicht getan ist. Handwerk ist die solide Basis in der Küche gerade wie im Atelier, und hier wie dort hilft nicht Magie noch Rezeptur, hat man die erforderlichen Zutaten nicht zur Hand. Dann heißt es warten, suchen und geduldig sein, vielleicht die Hitze ein wenig reduzieren und gelegentlich auch etwas Neues ausprobieren.
Koberling freilich, der im nächsten Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, ist vor allem Maler. Doch angesichts des Spätwerks des Berliner Künstlers, das derzeit im Sinclair-Haus in Bad Homburg zu entdecken ist, kann man kaum umhin, von frischen Aromen, dem Duft von dunklen Beeren oder hellen Früchten, von Wasserblau, Holunder oder Veilchenblüten, kurz: von einem alle Sinne fordernden und beinahe kulinarisch anmutenden Erlebnis zu sprechen. Immer schon waren Natur und Landschaft seine bevorzugten Themen. Und seit ihn einst Dieter Roth nach Island einlud, verbringt Koberling stets mehrere Monate im Jahr fern seines Ateliers in einem Tal namens Lodmundarfjördur auf der rauhen Insel.
Amorphe Formen und Farbinseln
Stets aber blieb seine Malerei dem Gegenstand verhaftet, und es sollte noch einmal fast 20 Jahre dauern, bis er statt Zeichenstift und Skizzenblock erstmals den Aquarellpinsel und schweres Bütten für sich entdeckte. Die Entwicklung, die seine Naturbetrachtung seither genommen hat und die das Altana Kulturforum unter dem Titel „Volumen der Stille“ mit einer Auswahl von seit 1999 entstandenen Gemälden und Aquarellen dokumentiert, ist eingedenk des bis weit in die achtziger Jahre eher expressiv anmutenden Werks eine wirkliche Überraschung. Denn nicht nur, dass endlich die Natur die Landschaft ganz und gar verdrängt, dass Koberling sich mehr und mehr vom Gegenstand und der konkreten Erscheinung löst und emanzipiert und stattdessen amorphe Formen, Farbinseln, -klänge und -verläufe seine Papierarbeiten bestimmen.
„Was mich an den Aquarellen so faszinierte“, hat Koberling sein spät erwachtes Interesse an der Technik einmal charakterisiert, „waren die Zwischenräume und die Transparenz der Farbe.“ Und mit beidem experimentiert er seither virtuos. Dabei changieren die spontan in Island vor der Natur entstehenden Papierarbeiten zwischen Verdichtung und Mut zur weiten weißen Fläche, auf der er aus unmittelbarer Anschauung von vegetabilen und floralen Formen, Farben und Strukturen zu zarten Kompositionen von poetischer Kraft und Leichtigkeit gelangt. Manch aktuelles Blatt etwa aus der „Pages from an almanac of a newly created world“ betitelten Folge aus dem vergangenen Jahr hat zarte Anklänge an die fernöstliche Zeichenkunst.
Von sinnlich betörender Verführungskraft
Und mitunter tauchen jetzt auch anorganisch strukturierte und auf das Quadrat verweisende luzide Farbflächen auf, die noch einmal in eine neue Richtung weisen. Doch darüber hinaus kommt auch Koberlings Malerei seit seiner intensiven Beschäftigung mit dem Aquarell mit einer bis dato durchaus präsenten, doch allenfalls zu ahnenden, ebenso stillen wie einnehmend heiteren Haltung daher.
Indes sind die auf einem akribisch angelegten Kreidegrund auf Aluplatten entwickelten Bilder zwar vom gleichen Geist beseelt, haben aber einen ganz anderen Charakter. Zwar kommen die Lineaturen, Rinnsale und Verläufe der dünnen Acrylfarbe hinsichtlich von Transparenz und Leuchtkraft den Papierarbeiten überraschend nahe. Doch im großen Format auf glatter, spurenlos grundierter Fläche verblüfft zunächst der räumliche Effekt. Und im Vergleich zur Spontaneität der Aquarelle ist es der fokussierende, Strukturen, Farben, Klänge wohlüberlegt komponierende Blick, der die scheinbar tänzerische Leichtigkeit auf festen Boden stellt. Die Virtuosität aber, mit der Koberling seit Mitte der neunziger Jahre sein Thema noch einmal gänzlich neu betrachtet und malerisch entfaltet, ist hier wie dort bemerkenswert. Und von sinnlich betörender Verführungskraft.

