10.09.2008 · Die Erscheinung der popkulturellen Überfrau: Madonna hat auf ihrer Welttour in der Commerzbank-Arena in Frankfurt Station gemacht.
Von Michael HierholzerDie Straßenbahn ruckelt mit lasziver Langsamkeit in Richtung Stadion. Es geht einfach nicht voran. Die Luft ist stickig. Beim Anblick der rosa Federboa, die sich zu Ehren des urweiblich-postfeministischen Idols um den Hals der jungen Frau schlängelt, steigt die gefühlte Temperatur ins Unerträgliche. Immerhin hält sie den Cowboyhut mittlerweile in der Hand. Keine ideale Umgebung, um das Bier zu genießen, das viele von zu Hause mitgebracht haben. Die auf Hessisch formulierte Botschaft des Fahrers, man möge doch die nächste Tram benutzen, hören die Sardinenmenschen drinnen wohl, allein die Massen draußen auf den Bahnsteigen bekommen nichts mit und drängen hinein. Man spricht russisch. Und schwäbisch. Und ist in einem Durchschnittsalter, das jenem der Künstlerin, die in der Commerzbank-Arena einen von drei Deutschland-Auftritten hat, ziemlich nahe kommt. Madonna ist gerade 50 geworden. Was sie nicht davon abhält, auf der Bühne einen Workout zu absolvieren, der die meisten der nach Fitness strebenden Altersgenossen entmutigen muss.
Endlich Sauerstoff. Gewürzt mit Bratwurstduft. „Brötchen dazu?“
Endlich Sauerstoff. Gewürzt mit Bratwurstduft. „Brötchen dazu?“ Die Massen strömen zum Circus maximus, wo es zum Brot die Spiele gibt. Hier wird zwar keiner den Löwen zum Fraß vorgeworfen, aber das Tier in der Frau losgelassen. Der Marsch auf das Kolosseum hat etwas von einer Prozession. Auffallend viele Blondinen. Und Mütter mit Töchtern. Und Männer Hand in Hand. Alle erwartungsvoll. In dem riesigen, wie aus dem Weltall gefallenen Oval geht es schließlich um eine kultische Handlung, eine Großzeremonie, eine gewaltige Beschwörung. Auch wenn der überstrapazierte Begriff „Queen of Pop“ weltliche Herrschaft assoziieren lässt – das Volk erwartet eine Hohepriesterin. Zwar spielt sie seit dem Beginn ihrer Karriere mit Symbolen des Katholizismus und fühlt sich seit einiger Zeit den Lehren einer modisch verwässerten jüdischen Mystik verpflichtet. Aber die Religion, die auch auf der „Sticky & Sweet“-Tour wieder gefeiert wird, hat damit nur am Rand zu tun. Um so mehr mit Pop. Und mit Sex.
Dabei ist die Choreographie der Show so unantastbar wie die christliche Liturgie. Es gibt keinen Raum für Spontaneität, allenfalls ein auf Deutsch eingestreutes „Wie geht’s“, was die Menge zu einem heftig anschwellenden Jubel veranlasst. Sonst aber sind die Dinge klar geregelt. Der Ablauf lässt keine Veränderungen zu. Das Ende ist wirklich das Ende. Keine Zugabe. Über die Arena senkt sich die Dämmerung. Laue Lüftchen wehen durch die offenen Wände. Auf den Rängen sind noch einige Plätze frei. Sie bleiben es auch. Im Innenraum ist der Kampf um die beste Position, also die ganz vorn an der Bühne, längst entschieden, als die schwedische Popsängerin Robyn mit dem Vorprogramm beginnt. Bis zu dessen Ende könnte man das Ganze noch mit Fug und Recht Konzert nennen. Was danach kommt, sprengt alle Dimensionen.
Diese Frau will nur spielen, nutzt dazu Fetisch und Fummel
Es geht los mit einem tiefen elektronischen Dröhnen. Eine Kugel wie aus der Lottoziehung sucht sich ihren Weg durch ein Riesenvideo. Sie schwillt zum Lutscher an: „Hard Candy“ heißt das neue, mit Sänger Justin Timberlake und Hip-hop-Musiker Timbaland in Amerika produzierte Album von Madonna, die auf schwarzem Thron erscheint, umgeben von Insignien ihrer popkulturellen Macht wie den hochaufragenden Ms an der Bühnenseite, in einem Dominanz signalisierenden Outfit, die Beine weit gespreizt. Aber diese Frau will nur spielen, nutzt dazu Fetisch und Fummel, wirft sich zu Boden, deutet Kopulierbewegungen an und tanzt sich mit Männlein wie Weiblein in ekstatische Momente hinein, um sich sofort wieder davon zu lösen: die ganze Veranstaltung, eine einzige Lustverzögerung in Fishnet-Ästhetik und Stiefellook. Kontrolle ist alles. Die Trieb-Dämonen werden zitiert, gewinnen aber nicht die Oberhand. Die Diva bannt sie. Das Publikum hat seinen voyeuristischen Spaß dabei.
In gewohnter Perfektion zelebriert die Leibhaftige ein Singspiel in vier Aufzügen, lässt im „Pimp“ betitelten Akt einen Luxus-Oldtimer auffahren und konzentriert sich auf Gangsterkult der zwanziger Jahre und Gangsta-Style der Gegenwart, erinnert in „Old School“ als Boxer-Lady an die knallbunten Achtziger, widmet in „Gypsy“ dem fahrenden Volk eine Hommage und lässt in „Rave“ die Disko donnern, bis es nur noch apokalyptisch blitzt und kracht. Ständige Kostümwechsel, mitreißende Tanzeinlagen, Reminiszenzen an frühere Schaffensphasen, künstlerisch avancierte Licht-Installationen mit Überwältigungscharakter, ein aus der Versenkung steigendes Klavier, Asiaten im Regen, überdimensionale Schachbrettfiguren, dazwischen eingestreut die politische Botschaft, dass von Hitler zu McCain der eine, von Gandhi zu Obama der andere Weg führt: Die Sinne werden in vollem Umfang bedient, was braucht man sich da um den Verstand kümmern.
Die Sängerin greift immer wieder selbst zur Gitarre, einmal sogar zur akustischen. Ohne Unterbrechungen reiht sich Lied an Lied, darunter die neuen von „Hard Candy“, aber auch viele ältere, allesamt frisch und durchweg originell arrangiert: „La Isla Bonita“ etwa im Ethno-Sound, „Borderline“ als Heavy-Metal-Stück. Da rockt der Pop. Das multimediale Gesamtkunstwerk lässt die Akteure auf der Bühne und dem ihr vorgelagerten Lauf- und Tanzsteg jedoch merkwürdig klein aussehen. Selbst von den besseren Sitzplätzen aus wirkte selbst die sehnige Hauptdarstellerin inmitten der orgiastischen Lichtgewitter und gigantischen Computeranimationen etwas verloren, wenn sie nicht im Mittelpunkt der auf die Großleinwand geworfenen Projektion stünde. Der Gesamtklang changiert zwischen metallisch (Stimme) und dumpf (Instrumente). Das ist keine Konzerthalle. Aber auch in einem Tempel steht es ja mit der Akustik nicht zum Besten. Der Kult verträgt das.
Der Stil verliert
Ludwig Schiffermann (Leo_Netihn_Prag)
- 11.09.2008, 00:25 Uhr
Ob der Kult das wirklich verträgt?
Peter Schetzkens (Pjotr-I)
- 12.09.2008, 02:33 Uhr